Schuldig!

Auch am heutigen Montag drehen sich unsere Gedanken immer noch um die Tragödie von Samstag Abend, während sich im Internet munter das Maul zerissen wird. Seien es diverse Blogs, Presseportale, Foren oder Kommentare. Was dort behauptet wird und wie viele sich ein Urteil trotz unklarer Faktenlage bilden, ist beschämend und schockierend. Immerhin gibt es auch eine Gegenseite, die laut zurückschreit, weil es einfach zu offensichtlich ist, wie das System Politik-Presse-Gutmensch „funktioniert“, und in der Presse mittlerweile einige, sachlichere Artikel. Wir verweisen an dieser Stelle auf ein Interview mit Martin Bader auf http://www.fcn.de/news/artikel/zu-sachlichkeit-zurueckkehren oder auch auf einen Artikel der NN, der im Vergleich zur ersten Berichterstattung deutlich zurückrudert und auch die Stellungnahme der BDA mit einfließen lässt, siehe http://www.nordbayern.de/region/nuernberg/verletzter-club-fan-zeugen-sprechen-von-unfall-1.1673528. In der Gesamtheit zeichnet sich jedoch mal wieder ein verherrendes Bild der deutschen Presse in ihrer Jagd nach Schlagzeilen und Skandalen ab.

Machen wir etwas ganz Verrücktes!

Versetzen wir uns in die Situation, zum Beispiel der Eltern. Es ist Samstag Abend, man lässt den Tag ausklingen, entspannt sich – was auch immer. Dann der Anruf mit der Schreckensnachricht. Ungewissheit. Sorge. Panik. Man setzt sich ins Auto, brettert die Kilometer nach Köln hinunter, obwohl man gar nicht dazu in der Lage ist. Man hofft, man bangt und stellt sich viele Fragen. Nach der Notoperation ist klar: Er lebt, aber ein Arm ist verloren, ein noch so junges Leben wird auf eine harte Probe gestellt und das der Eltern mit dazu. Auch die Verwandten sind besorgt und es ist völlig egal, wie oder warum es passiert ist. Man ist bei ihm.
Nach einer schlaflosen Nacht verbreitet sich am Morgen, an dem alles noch so unwirklich erscheint, die Nachricht, dass es sich bei dem Opfer um einen polizeibekannten Hooligan handeln soll, der zuvor in eine Auseinandersetzung verwickelt war. Dabei ist völlig unklar, wieso der 19-Jährige ein Hooligan sein soll. Gestützt wird dies durch einen Eintrag in der Datei „Gewalttäter Sport“. Aha. Diese Datei, die zurecht von Fans und Juristen angeprangert wird, ist also der Auslöser. In ihr gespeichert sind 17.377 Personen (Stand November 2011), über 4.000 Einträge kamen in den letzten 12 Monaten hinzu. Und hinein kommt man leichter, als in ein Fußballstadion. Es genügt eine Personalienfeststellung, ein Verdacht, eine Beleidigung oder ein Platzverweise. Ganz banale Dinge, die jeden Auswärtsfahrer treffen können. Ja, es hat auch André getroffen. Er ist in dieser Datei gepeichert aufgrund eines Vorfalls, welcher jedoch mit einem Freispruch erster Klasse endete. Unschuldig! Juristisch ist der junge Mann völlig rehabilitiert, ohne Eintrag. Das bestätigten mittlerweile verschiedene Stellen. Der Verweis in der Datei „Gewalttäter Sport“ bleibt jedoch, für 5 (!) Jahre. Nun hätte man diesen Eintrag aufgrund des Freispruchs auch löschen lassen können, wenn man jedoch gar nicht weiß, dass man darin gespeichert ist, wird das schwierig. Und so macht sich die Lüge vom Hooligan durch die Welt, verbreitet durch unwissende Journalisten, denen es auch scheiß egal ist, was die Eltern, Verwandten und das Opfer an diesem, nächsten Morgen zu lesen bekommen. Und überhaupt: Wer sagt, dass André überhaupt aktiv in dieser Situation überhaupt aktiv beteiligt war? Vielleicht wollte er schlichten, vielleicht wollte er allem aus dem Weg gehen, vielleicht war er zur falschen Zeit am falschen Ort. Wir wissen es nicht und wir werden es wohl auch nie erfahren. Und wenn doch, wird es keinem mehr interessieren, weil sich die Lügen zuvor schon verbreitet und in Köpfe verankert haben. Ebenso wenig wissen wir etwas über den Täter oder die Schuldfrage. Dieses Urteil steht uns bei einer solchen Faktenlage nicht zu. Niemandem!

Nun, vielleicht können wir nicht verlangen, dass sich ein einfacher Journalist vorher diese Gedanken macht. Wir können es nicht verlangen, dass er sich in die Lage der Eltern versetzt. Es ist für ihn nur eine Nachricht, die soviele Gefühle auslöst wie der Aktienkurs der Firma XY. Und schließlich muss er ja Schlagzeilen produzieren, das ist sein scheiß Job! Nein, Mitgefühl, Empathie und Menschlichkeit können wir nicht verlangen.

Wir können aber verlangen, dass er weiß, welche Tragweite seine diffamierenden Worte haben werden! Wir können verlangen, dass er weiß, welches Verbrechen er begeht!
Und dafür sprechen wir EUCH ALLE schuldig, die per Blog, Forum, Presseartikel oder Kommentarfenster Unwahrheiten ablassen!

An dieser Stelle wollen wir noch ausdrücklich auf die Stellungnahme und Forderung der Rot-Schwarzen Hilfe verweisen: Diffamierende Berichterstattung

Übrigens: Natürlich muss man innerhalb der Nürnberger Fanszene, vielleicht sogar in ganz Deutschland, diesen Vorfall reflektieren und sich damit auseinandersetzen, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Das steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt und wird auch geschehen. Ohne frei von Schuld zu sein, hier geht es jedoch einzig und allein um die Berichterstattung sowie die Kategorisierung in gute und schlechte Menschen…