Alles Randale

Es wundert uns sicher nicht mehr, dass nach Vorkommnissen wie sie vorgestern bei Fortuna vs. Hertha 90 Sekunden vor Abpfiff geschehen sind, reflexartig von Skandal, Schande und Chaoten gesprochen wird. Da haben die letzten Jahre, in denen gebetsmühlenartig immer wieder von einer neuen Dimension der Gewalt gepredigt und gewarnt wurde, ohne sich mit Ursachen und Hintergründen zu beschäftigen, eben ihre Spuren hinterlassen. Da darf man also nicht nachstehen, als „guter“ (Sport-) Journalist: Alles Randale!
Nachdenklich stimmt das aber trotzdem und angesichts der vielen Meldungen, die auf uns hereinprasseln, scheint es fast aussichtslos dieser Hysterie und Hetze entgegenzuwirken. Und dennoch liegen einem die Worte auf der Zunge und warten nur darauf, herausgeschrieen zu werden, zur großen Überraschung gibt es aber auch zwei sehr lesenswerte Artikel, die es lohnt, weiterzuverbreiten und mit denen vieles (nicht alles) gesagt sein dürfte!

In diesem Sinne: Weiterleiten und entgegenwirken – auch wenn es aussichtslos erscheint!

Kommentar: Mega-Skandal, wo eigentlich?
Fans von Fortuna Düsseldorf freuten sich 90 Sekunden zu früh

Nürnberg – „Irre Fan-Ausschreitungen“, „Fußball-Schande“, „Mega-Skandal“ – wenn man am Mittwochmorgen die Schlagzeilen zum Relegations-Rückspiel zwischen Düsseldorf und Berlin durchforstet, könnte man leicht den Eindruck gewinnen, im Stadion hätten bürgerkriegsähnliche Zustände geherrscht – außer man hat das Spiel selbst gesehen.

Klar, es war alles andere als glücklich, sogar ausgesprochen dumm von den Fortuna-Anhängern, vorzeitig das Spielfeld der schmucken Arena zu stürmen und damit den sportlichen Erfolg der eigenen Mannschaft in ernsthafte Gefahr zu bringen. Gewalttätige Aktionen waren allerdings nicht zu erkennen.

Lange vor dem Abpfiff waren sie heruntergeklettert von der Tribüne, die leidgeprüften Anhänger des rheinischen Traditionsklubs, warteten bis auf wenige Ausnahmen artig hinter der Werbebande, um dann – nach dem vermeintlichen Schlusspfiff – ihrer Freude über das Ende einer 15-jährigen Kummer-Tour bis hinunter in die Oberliga Ausdruck zu verleihen. Einer rannte los, Hunderte rannten unvernünftigerweise hinterher und freuten sich ausgelassen über den scheinbar feststehenden Aufstieg.
Bilderstrecke zum Thema

Der Aufstieg von Fortuna Düsseldorf in die Bundesliga wird überschattet von Tumulten, die beinahe zu einem vorzeitigen Abbruch des Relegationsspiels gegen Hertha BSC geführt hätten.

Weder Spieler, noch Ordner oder die Polizei wurden attackiert, lediglich der Elfmeterpunkt hätte um ein Haar zu früh dran glauben müssen. Ansonsten herrschte kurzzeitig ausgelassene Freude, bis der Stadionsprecher auch dem Letzten klar gemacht hatte, dass die Partie eben noch nicht abgepfiffen sei. Gewaltfrei räumten die Fans den Rasen wieder. Irre Fan-Ausschreitungen sehen irgendwie anders aus. Ein Mega-Skandal auch. Und eine Fußball-Schande ist eher das, wie der Hauptstadtklub mit der Situation umging.

Nach wenigen Minuten hätte die Partie nämlich wieder angepfiffen werden können, wären neben der Fortuna auch die Berliner auf den Platz zurückgekehrt. Die Hertha-Kicker zogen es aber vor, sich in der Kabine zu verschanzen. Wohl wissend, dass die Chancen auf den Klassenverbleib bei einem Spielabbruch deutlich größer sein würden, als bei einer Fortsetzung der Partie, die nur noch 90 Sekunden von ihrem regulären Ende entfernt war.

„Todesangst“ hätten seine Spieler gehabt, behauptete der Berliner Manager Michael Preetz später, inzwischen hat sein Verein auch ganz offiziell Einspruch beim DFB gegen die Wertung des Spiel eingelegt. Dabei hatten die Hertha-Profis noch eine gute halbe Stunde vorher gar nicht so ängstlich gewirkt, als sie sich mutig vor die Kurve des eigenen Anhangs wagten, aus der es bengalische Fackeln regnete. Die wurden übrigens genau dann auf die Reise geschickt, als die Fortuna das vorentscheidende 2:1 erzielt hatte. Ein Schelm, wer den Berliner Fans hier die Absicht zur Provokation eines Spielabbruchs unterstellen möchte.

„Man muss sich vorstellen, unsere Spieler hätten noch ein Tor geschossen“, versuchte Preetz die Geschehnisse weiter zu dramatisieren. Dabei kam es bisher eigentlich nur zu Ausschreitungen, wenn die Hertha eben kein Tor mehr schoss. Wie damals im März 2010, als nach dem Club-Sieg in Berlin frustrierte Anhänger der „Alten Dame“ kurzerhand den Innenraum des Olympiastadions verwüstet hatten.

Um ein Blutbad zu verhindern, sei die Mannschaft auf Anraten der Polizei vom Unparteiischen auf den Platz zurückgeführt worden, geht Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt endgültig in die Vollen. Ein Profi, der weiß, dass ein medial gut positionierter Grundstein die Basis für einen erfolgreichen Protest sein kann.

Quelle Fürth legte trotz des Abstiegs 1997 übrigens ebensowenig Protest ein wie Wattenscheid 09 im Jahr 1991. Und das, obwohl Club-Fans beide Male vorzeitig den Platz stürmten.

Bastian Eberle
http://www.nordbayern.de/sport/kommentar-mega-skandal-wo-eigentlich-1.2080133

Hurra, wir leben noch!

Deutschland im Mai 2012 am Abgrund: Der Fußball steht an einer “Schnittstelle”, Eltern bringen ihre Kinder leichtfertig in Lebensgefahr, Reporter müssen sich von dem Erlebten, von dem Schock erst einmal erholen. Die Apokalypse-Visionen der 1980er verblassen angesichts der aktuellen Bedrohungen. Hurra, wir leben noch. Ach ja, Fortuna Düsseldorf ist in die Bundesliga aufgestiegen.

Von Redaktion Publikative.org

Hätte man das Bild bei der Übertragung des Bundesliga-Relegationsspiels abgestellt und nur dem Ton gelauscht, man hätte denken können, beim Spiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC Berlin (2:2) habe es zehn Tote gegeben. Es war aber weniger dramatisch, zumindest graduell. Hunderte begeisterte Fans stürmten den Platz, eine Minute bevor die Nachspielzeit beendet war. Das war ziemlich ungeschickt, man könnte es auch dumm nennen.

Allerdings handelte es sich mitnichten um einen Lynchmob, der Spieler und deren Kinder mit Hilfe von Pyrotechnik verbrennen, sondern um Fans, die den Aufstieg ihres Teams feiern wollten – und offenkundig dachten, das Spiel sei bereits vorbei. Dieser Irrtum hat übrigens nichts mit vorhandener oder fehlender Schwarmintelligenz zu tun, wie es die “11 Freunde” nun ihren Lesern in bemerkenswert kulturpessismistischem Duktus weiß machen wollen, sondern viel mehr mit Massenpsychologie, Altbier und Fußball.

Kein einmaliger Vorfall, dieser vorzeitige Platzsturm: Im Jahr 1995 liefen Hunderte Fans des FC St. Pauli am letzten Spieltag auf den Rasen, und zwar bereits in der 87. und nicht 97. Minute, da sie einen Elfmeterpfiff und eine Geste von Schiedsrichter Brandt-Chollé in Richtung Spielerausgang als Schlusspfiff und damit Auftakt zur braun-weißen Aufstiegsfeier interpretierten. Nach einigen Minuten der Verwirrung erklärte der Schiri damals, klar sei das der Schlusspfiff gewesen – eine souveräne Leistung, angesichts des Spielstands von 5:0 für St. Pauli eine leichtere Entscheidung. Auch 1991 in Köln und Duisburg gab es Platzstürme vor dem Abpfiff, ohne dass Weltuntergangsszenarien entworfen wurden, die gelassenen Reaktionen von Kommentatoren und Spielern klingen wie aus einer anderen Welt:

Platzsturm ab 4:45.

Ab Minute 1:33 hat Reinhold “so etwas habe ich noch nier erlebt” Beckmann übrigens einen recht entspannten Gastauftritt in Form eines Spielerinterviews, bereits deutlich erkennbar umrahmt von Fans, die nur darauf warten, den Rasen zu betreten. Tja, so kann es einem mit der eigenen Erinnerung ergehen. Beziehungsweise, so biegt man sich die Realität zurecht (für die Feinsinnigeren: “konstruiert” diese), in der Fußball immer schon der Sport der Ober- und Mittelschicht gewesen sei, in der derlei unerzogenes Rowdytum nie einen Platz gehabt habe.

In den 1990er Jahren war nach den Platzstürmen in den Medien übrigens nicht von schockierenden Szenen die Rede, die Meldungen dürften es auch nicht zu Aufmachern gebracht haben; die Frage ist also, wo eigentlich die “neue Qualität” zu suchen ist?

Der deutsche Fußball an der “Schnittstelle”

Einen Unterschied gibt es allerdings: Das Spiel in Düsseldorf war noch nicht entschieden, da Hertha nur ein Tor fehlte, um doch noch in der Liga zu verbleiben. Der Fast-Abbruch des Spiels war dann aber der Startschuss für deutsche Sportjournalisten, das ganz große Fass aufzumachen. Jetzt müsse vielleicht noch einmal grundsätzlich nachgedacht werden über die Sicherheit in den Stadien, möglicherweise sei man an einer “Schnittstelle” (gemeint war wohl so etwas wie Zäsur), gab Reinhold Beckmann die Richtung vor.

Deutlich wurde jedoch schnell, dass sich Beckmann und Experte Mehment Scholl in größtmöglicher Entfernung zu einer realistischen Sicht auf das Thema Fans und Sicherheit befinden. Scholl war etwas aufgefallen, nämlich dass die bengalischen Feuern in den beiden Kurven fast gleichzeitig gezündet worden seien – spekulieren wollte er nicht, aber ob es da vielleicht Absprachen der “Hooligans” untereinander gegeben haben könnte? Soziale Netzwerke, assistierte Beckmann (sogenannte oder selbsternannte Fans in “diesem Internet”, quasi eine verdoppelte Gefahr …), da wäre vieles möglich. Auf die Idee, dass die Pyroaktionen der Herthaner und Düsseldorfer Fans auch mit dem Spielverlauf, sprich mit den Toren zu tun haben könnten, auf diese Idee kam keiner. “Hooligans”, die sich über Twitter zu einer Verschwörung zusammenfinden, klingen schließlich auch gleich viel dramatischer. Das war nur ein kleiner Wortwechsel, er zeigt jedoch, wie weit entfernt der deutsche Sportjournalismus von einem Thema ist, das er doch selbst immer wieder auf die Agenda setzt. Immerhin: Nach einer Lösung für das Problem Fangewalt befragt, gab Mehmet Scholl zu, darüber eigentlich noch nie nachgedacht zu haben.

Obendrein gewährte er weitere interessante Einblicke in die Weltsicht von Fußballern: Wie viel “Grütze” müsse man im Kopf haben, wenn man ein Kind solchen Gefahren aussetze?, zog Scholl vom Leder. Gemeint waren Leute, die mit ihren Kindern auf dem Rasen den historischen Erfolg der Fortuna feierten. Fans gelten hier offenbar als hirnlose Masse, vor der man sich möglichst schnell in Sicherheit bringt.

Vor Ethik wird gewarnt

Wer gibt Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl eigentlich das Recht, anhand des ihnen zur Verfügung stehenden Bildmaterials medial über andere Menschen zu richten? Wer hat eigentlich sanktioniert, dass man Eltern, die mit ihren Kindern auf dem Rasen einen Aufstieg feiern oder sich ein Stück aus dem Rasen scheiden wollen, mir nichts Dir nichts vor einem Millionenpublikum zu gehirnamputierten, verantwortungslosen Asozialen stempeln darf? Gegen diese Macht der Bilder, kombiniert mit denunziantorischen Kommentaren, ist die gerne und zu Recht gescholtene Bild-Zeitung zuweilen ein harmloses Käseblättchen.

Wir erlauben uns, an dieser Stelle die Frage zu stellen, wie lange die genannten Herren bitte schon nicht mehr aus ihren Stadtrand-Villen und ihren gepanzerten Limousinen rausgekommen sind, wenn sie “heute Abend das erste Mal über dieses erschreckende Problem nachgedacht” (Scholl) haben? Erschreckend an dieser Art der Berichterstattung sind jedoch nicht die gezeigten Bilder, sondern die zur Schau gestellte Verantwortungslosigkeit. Auch nach mehr als einem Jahrhundert Medienkritik und -forschung wollen Beckmann, Scholl und Co. die einfachsten Einsichten nicht wahrhaben: Wer ständig mit einer derartigen Massenwirkung bestimmte Phänomene beschwört, ist mit dafür verantwortlich, wenn diese schließlich auch eintreten.

Die Republik am Abgrund?

Bemerkenswert ist daher auch der Ansatz, man dürfe den “Gewalttätern” keine Bühne bieten, gleichzeitig aber mehr als eine halbe Stunde lang nur noch darüber zu spekulieren, was alles passieren könnte, so wie es der Kommentator in der ARD tat: Familien, die durch geworfene Pyros, die vom Tribünendach (!) abprallen, verletzt werden; Hertha-Spieler, die möglicherweise vom Mob spielunfähig getreten wurden, uswusf.

Allerdings hätte man die Tatsache, dass nach dem Schlusspfiff Tausende Menschen auf dem Rasen feierten und überall Frauen und Kinder (müssen die eigentlich nicht längst ins Bett?!?) dabei waren, auch als ein Indiz dafür werten können, dass die Situation nicht der eines Bürgerkriegs glich, so wie es die Rhetorik der Kommentatoren nahelegte. Beckmann verabschiedete sich indes unbeirrt mit der Ankündigung, er müsse sich nun erst einmal von diesem Schock erholen.

Heute Nacht, wenn die überlebenden Funktionäre und Reporter von der Front zurückkehren, den Geländewagen in der Tiefgarage sicher abgestellt haben, werden sie dann vielleicht erst einmal den Ipod anschließen und laut Milvas “Hurra, wir leben noch!” hören, dabei mit zitternden Händen den Rotwein schwenken. Diesen Abend werden wir alle nicht vergessen.

Wir gratulieren indes Fortuna Düsseldorf zum Aufstieg, vorläufig zumindest – die Entscheidung über einen möglichen Einspruch von Hertha BSC steht noch aus. Außerdem gratulieren wir natürlich der DFL, die durch die Relegation mehr Emotionen und Spannung erzeugen wollte. ”Die Relegationsspiele haben in der Vergangenheit eigentlich immer für große Spannung und Dramatik gesorgt”, erklärte Holger Hieronymus, DFL-Geschäftsführer Spielbetrieb, in einem Gespräch im Mai 2009 mit bundesliga.de. ”Diesen zusätzlichen Spannungsfaktor wollen wir einfach wieder nutzen, um die Bundesliga und 2. Bundesliga noch interessanter zu machen.”

Das ist gelungen.