Hart, aber dumm

… so könnte man die Sendung, die gestern auf ARD zum Thema „Gewaltige Leidenschaft – wer schützt den Fußball vor seinen Fans?“ lief, auch nennen.
Wer sie verpasst hat, hat nix verpasst; für alle, die sich trotzdem mal belustigen, ärgern oder informieren wollen, dem hilft folgender Link weiter.

http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/

Empfohlen sei an dieser Stelle aber auch gleich die entsprechende Kritik, veröffentlicht von Christian Ruf auf Spiegel Online. Christian Ruf hat sich ja mittlerweile durchaus einen Ruf (welch Kalauer!) gemacht, indem er sehr differenziert über die Ultrasbewegung berichtet und auch mal die Medienberichterstattung kritisiert. Es gibt also durchaus Ausnahmen unter der schreibenden Zunft – das soll ja gar nicht verheimlicht werden und es ist in der Tat schön zu sehen, dass es immer noch Redaktuere/Journalisten gibt, die sich nicht von der moral panic anstecken lassen, sondern ihre Sichtweise schildern, auch wenn sie damit von den „Kollegen“ wahrscheinlich diesselbe (gespielte) Empörung ernten. Es wird aber auch Zeit, dass sich die seriösen und echten Medien endlich deutlich vom Boulevard distanzieren, hehe!

Bengalische Wortgefechte
http://www.spiegel.de/kultur/tv/fussballgewalt-als-thema-bei-plasberg-a-834353.html


Ein Stadionbesuch, viele Gefahren: Im TV-Talk „Hart aber fair“ suchte eine reichlich schwatzhafte Runde nach Ursachen der Gewalt im Fußball. Echte Fans jedoch kamen gar nicht erst zu Wort – zu groß war das Redebedürfnis der Medienprofis.

Langweilige Gäste, ein falsches Thema, ein überforderter Moderator – eine Talksshow kann ganz leicht an Grundsätzlichem scheitern. Nicht mehr zu retten ist die Veranstaltung von vornherein, wenn sich die Runde gar nicht darüber verständigt hat, worüber sie überhaupt spricht. Als Gastgeber Frank Plasberg am Montagabend zum Ende von „Hart aber fair“ („Gewaltige Leidenschaft? Wer schützt den Fußball vor seinen Fans“?) zu Caren Miosga und den Tagesthemen überleitete, blieb als Erkenntnisgewinn nur, dass der Fußball in Deutschland offenbar ein riesengroßes Problem hat. Welches genau, darüber grübelte der Zuschauer allerdings noch beim abschließenden Wetterbericht.

Schon zu Beginn der Sendung versäumt es Plasberg, das Thema einzugrenzen. Der erste von viel zu vielen Einspielern zeigt bengalische Feuer in diversen Fankurven, es wird noch einmal vorgeführt, wie beim Relegationsspiel in Düsseldorf reichlich normal aussehende Fans auf den Platz stürmen, weil sie irrtümlicherweise dachten, das Spiel sei beendet und ihre Mannschaft bereits aufgestiegen. Später wird auch echte Fußballgewalt gezeigt: Der Überfall auf einen Gladbacher Fanbus, Anhänger des BFC Dynamo Berlin, die den Lauterer Gästeblock stürmen. All das wird einigermaßen tollkühn unter „Chaos“, „Randale“, „Gewalt“ subsumiert – und im Verlauf der Diskussion schlicht mit „es“ bezeichnet. Der Zuschauer erfährt: „Es“, wahlweise auch „das“, wird immer schlimmer.

Von der Stadion-Tiefgarage direkt zu den besseren Plätzen

Doch die Sendung krankt nicht nur daran, dass sie undifferenziert mit einem komplexen Thema umgeht, sie ist dazu noch schlecht besetzt. Gleich zwei Diskutanten sind am Tisch, die das gleiche Metier wie Plasberg betreiben: Oliver Pocher und Johannes B. Kerner, die als Fans von Hannover 96 beziehungsweise Hertha BSC Berlin eingeführt werden.

Kerner sagt, er sei als junger Mann Ordner bei der Hertha gewesen. Pocher hat mit den 96-ern „schon alle drei Ligen“ durchgemacht. Jedem Satz der beiden ist anzumerken, dass sie Fußball sicher lieben, der Stadionbesuch für sie aber Teil eines Meet-and-greet-Parcours ist, der von der Stadion-Tiefgarage zu den besseren Plätzen führt. Was ja legitim ist, schließlich gibt es nichts Peinlicheres als die pseudo-proletarische Attitüde, die noch jeden Bundeskanzler die Currywurst zum Lieblingsessen erklären ließ. Blöd nur, dass die Jungs an der Currywurstbude genau wissen, wer dazugehört und wer nur so tut.

Das ist in dem Fall aber auch nicht schwer. Kerner findet – mutmaßlich als weltweit einziger Fußballreisender – dass die Stimmung in den englischen Stadien nicht darunter gelitten habe, dass die Stehplätze ab 1996 abgebaut wurden. Und Pocher erzählt doch allen Ernstes, dass er im Sommer nicht zur EM in die Ukraine fährt, „weil man das dort besser erst mal abwartet.“

Wer Angst hat, in Kiew auf der Taxifahrt vom Flughafen ins First-Class-Hotel eingekesselt und niedergeknüppelt zu werden, liefert unfreiwillig Erklärungsansätze, warum der Platzsturm in Düsseldorf in den Medien so ein Aufreger ist, während die meisten Stadiongänger ihn als das sehen, was er war: Ein groteskes Missverständnis feiernder Fußballfans, bei dem keiner Menschenseele ein Härchen gekrümmt wurde.

Ungezogene Medienprofis

Allerdings macht sich die Öffentlichkeit ja nicht ohne Grund Sorgen, weshalb diese Ausgabe von „Hart aber fair“ eigentlich auch zum richtigen Zeitpunkt übertragen wird. Kerner darf eine Pyrofackel an eine Schaufensterpuppe halten, die vier Sekunden später lichterloh brennt.

Hier wäre es spannend gewesen, einen Ultra erklären zu lassen, warum die Szene es dennoch für sicher hält, in einem voll besetzten Block zu zündeln. Man darf davon ausgehen, dass die Redaktion auch Ultra-Vertreter angefragt hat. Und man darf davon ausgehen, dass von denen keiner mit der bösen Presse reden wollte. Es liegt eben auch an den Hardcore-Fans, wenn mehr über sie als mit ihnen geredet wird.

So aber blieb das Podium recht einseitig besetzt. Pocher, Kerner und DFL-Boss Reinhard Rauball wollen neue Sanktionsmöglichkeiten in den Stadien, der erfreulich sachkundige stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Frank Richter, fordert, bestehenden Gesetze konsequenter anzuwenden. Umso mehr hätte Plasberg als Moderator darüber wachen müssen, dass die beiden Fanvertreter wenigstens halbwegs gleichberechtigt ihre Sicht der Dinge darlegen können.

Doch zu allem Unglück benehmen sich die Medienprofis reichlich ungezogen. Dortmund-Fan Katja Winkelmann („Jetzt lassen Sie mich doch mal ausreden“) muss um jedes Wort kämpfen. Als Fanprojektler Bierholz versucht, die Suada zu unterbrechen und wenigstens eine der offenbar rhetorischen Fragen Kerners („Sagen Sie mir, was in den Menschen vorgeht?“) zu beantworten, kommt er kaum zum zweiten Satz – schon sind die Medienprofis ihm wieder ins Wort gefallen.