Fankultur

Ja, im letzten Artikel haben wir durchaus überspitzt auf die Ergebnisse des Sicherheitsgipfels geantwortet und somit natürlich polarisiert. Es fällt einem nach all den Jahren eben nicht mehr so leicht, in beständiger Ruhe immer und immer wieder zu wiederholen und zu argumentieren, warum man so reagiert. Aber es ist natürlich bezeichnend, dass man das immer und immer wieder erklären müsste. Entsprechend gab es daher auch einige Kommentare, die mit Unverständnis auf die dargelegte Haltung reagierten. Es gibt also noch immer Klärungsbedarf, weswegen wir hier auf einige dieser Punkte eingehen wollen.

„Man solle doch jetzt endlich mal sein Hirn einschalten, denn mit einer „Jetzt erst Recht“-Haltung wird man nur noch mehr Repressionen (und damit die Abschaffung der Stehplätze) hervorrufen“
… Natürlich werden weitere Repressionen wie die Abschaffung der Stehplätze kommen, wenn es wieder zu Vorfällen (bedingt durch eine „Jetzt erst Recht“-Haltung) kommt. Aber diese Vorfälle werden auch kommen, selbst wenn alle Gruppen zur Zurückhaltung aufrufen (und „ihr Hirn einschalten“) würden. Warum? Weil bei über 17 Millionen Zuschauern (die bspw in der Saison 2010/2011 die Spiele der ersten beiden Ligen besuchten) Zwischenfälle nicht zu vermeiden sind. Sie lassen sich minimieren, aber nicht gänzlich vermeiden. Zieht man nun die Zahlen der polizeilichen „Zentralen Informationsstelle Sport“ (ZIS) heran, so zeigen diese auf, dass im Jahr 2011 lediglich 0,005% (!!!) der Stadionbesucher durch Fangewalt verletzt wurden. Nun mag „jeder Verletzte einer zu viel sein“, aber angesichts dieser Zahlen muss man doch zu zwei Schlüssen kommen. Erstens, dass sich dieser Prozentsatz im Promillebereich bewegt und im Vergleich zu jeder anderen Großveranstaltung der Bestwert ist (so sind auf dem Oktoberfest an einem Tag genauso viele Verletzte zu beklagen wie in einer Saison Profifußball!) und zweitens, dass dieser Prozentsatz nicht mehr zu minimieren ist – zumindest nicht mit im Verhältnis stehenden Mitteln und ohne überzogene Repressionen. Zudem müssen es auch noch nicht einmal Pyrozwischenfälle oder durch Fans provozierte Vorfälle sein, im Endeffekt kann doch jede harmlose Situation (nicht zuletzt auch durch Fehlverhalten der Polizei) zu einem Konflikt eskalieren und die Abschaffung der Stehplätze bedeuten. Bei dieser Aussicht darf man sich doch fragen, wofür man sich noch zügeln soll, wenn die Zukunft sowieso schon geschrieben ist – und genau diesen Eindruck wird man gewinnen, wenn man sich seit Jahren mit dieser Thematik beschäftigt. Dann sich lieber jetzt noch ein bisschen ausleben, die Zeit genießen, bevor der Fall eintritt, der spätestens nach diesem Sicherheitsgipfel sowieso schon unvermeidbar ist. Ist das eine „Jetzt erst Recht“-Haltung? Mag sein. Wahrscheinlicher ist es aber die letzte Freiheit, die sich die Fans nehmen können. Der DFB hat schließlich auch sämtliche Signale, dass sich die Freiräume für Fans (und dabei geht es noch nicht einmal um Pyrotechnik!) wieder verbessern könnten, gänzlich vermissen lassen. Stattdessen droht er damit, sie noch mehr einzuschränken.

„Man solle stattdessen noch einmal Dialogbereitschaft zeigen“
… man kann so viel Dialogbereitschaft zeigen wie man will. Der DFB hat die Gespräche zur Pyro-Frageabgebrochen und sich danach in unverschämte Lügen verstrickt. Der DFB hat beim Sicherheitsgipfel – als über richtungsweisende Fanthemen gesprochen wurde – einen Scheiß auf die Meinung der Fanvertreter und Fanprojekte gegeben. Der DFB hat kein Interesse an einem Austausch (auf Augenhöhe) mit Fanvertretern. Und was bitte soll man sich nach den letzten Monaten von einem Dialog versprechen???

„… dann muss man als Fan aber auch endlich mal akzeptieren, dass manche Dinge verboten sind“
… man würde es als Fan jedoch leichter akzeptieren, wenn man in einem ergebnisoffenem Dialog schlussendlich zu einem Ergebnis (evtl. sogar mit beiderseitigen Zugeständnissen und Abstrichen) gekommen wäre, bei dem die Argumente und Entscheidungen transparent (und vielleicht sogar nachvollziehbar) kommuniziert worden wären – diese Chance wurde in der Pyro-Frage und aktuell bei diesem Sicherheitsgipfel vertan. Wer glaubt denn bitte ernsthaft, dass nach dieser Vorgehensweise Einsicht unter den sehr heterogenen Kurven einziehen würde? Die gemäßigten Köpfe haben lange Zeit den Deckel auf dem Kessel halten können. Diese Vorgehensweise – und das wissen die Beteiligten sehr genau – werden den Druck im Kessel weiter ansteigen lassen! Es bleiben Unverständnis, Frust und die Frage, wofür man diese Verbote akzeptiert… Was springt für den Fan dabei raus?

„… na, um sich dafür eine bunte und laute Fankultur zu erhalten (denn das wollen DFB und Vereine ja schließlich auch)
Ja nee, ist klar… man wünscht sich eine bunte und laute Fankultur?! Deswegen gibt es ja auch in allen Stadien irrwitzige Beschränkungen der Fanmaterialien. Ob in der Größe oder in der Menge, um jeden Zentimeter, um jede Fahne muss man feilschen. Trommeln oder Megaphone sind mit Sicherheit keine Selbstverständlichkeit. Anmeldeprozesse, Genehmigungen, Persoabgabe, Zaunfahnenverbote, die mit Pfeffersprayeinsätzen durchgesetzt werden (da hätten wir wieder einen dieser Vorfälle, die später die Stehplätze verbieten könnten) etc… Ist das eine bunte und laute Fankultur?
Aber klar, diese Einschränkungen gibt es ja nur, weil weiterhin Pyrotechnik gezündet wird… Von Glubbfans ist seit Bochum 2010 kein Pyro mehr gezündet worden und trotzdem haben wir die gleichen, scheiß Einschränkungen!!! Und es braucht wohl keiner daran zu glauben, dass diese Einschränkungen irgendwann gelockert werden, wenn die Stadien „clean“ sind. Denn dann sind es eben die großen Fahnen (Sichtbehinderung), die stören… Also, was tut dieser DFB eigentlich für die viele gepriesene und geforderte Fankultur? Nichts – außer Repressionen (und natürlich Fanprojekte fördern…)!

Nur mal als kleine Randnotiz (obwohl es viel gewichtiger ist) und als ein Beispiel: Wenn Ultras Nürnberg (eigenfinanzierte) Räumlichkeiten betreibt, in denen nach den Spielen 100te Glubbfans allen Alters zusammenkommen und den Tag ausklingen lassen, wenn sich dort ein Fanzine-Archiv sowie ein kleines FCN-Museum befinden und dort Jugendlichen Raum gegeben wird, ihre Freizeit zu verbringen, in der sie lernen, in einer Gemeinschaft Verantwortung und Pflichtgefühl zu entwickeln, dann ist das für die Gesellschaft ein wichtiges und nachhaltiges Wirken, welches aber natürlich keiner erkennt, der die Ultras nur aus dem Internet oder der Presse kennt bzw. über sie spricht anstatt sich mit ihnen befasst… dies wird man aber vielleicht irgendwann mal erkennen, wenn es zu spät ist. Und es wird zu spät sein, wenn dieser repressive Weg weitergegangen wird, wenn das Publikum ausgetauscht wird und der Stadionbesuch Eventcharakter wie ein Musicalbesuch bekommt und nicht mehr der Lebensinhalt der unterschiedlichsten Menschen ist, den eine Sache zusammenbringt: die Liebe zum Verein. Doch Liebe funktioniert nur in beide Richtungen….

Man könnte jetzt noch viele weitere Beispiel anbringen, wie wir das in der Vergangenheit schon so oft getan haben, aber auch in dieser Beziehung überwiegt so langsam die Resignation (um nicht von Frustration zu sprechen).

Ach ja, und so mancher, der immer wieder über Gewalt und Ultras wettert, wie zum Beispiel dieser überaus sachkundige Polizist, der neulich etwas von Punktesystemen bei Schalklau fantasierte, der sollte sich auch einmal über die Nachhaltigkeit seiner Worte Gedanken machen. Oder mit welchen Vorstellungen werden wohl jugendliche Kids zu den Ultras gespült, wenn in der Öffentlichkeit immer wieder solche abstruse Verhaltensriten proklamiert oder der Gewalt einen viel zu großen Stellenwert zugeschrieben wird. Da erweist man den älteren und führenden Köpfen der Gruppen natürlich einen Bärendienst, wenn diese auf einen Nachwuchs treffen, deren Verständnis durch viele äußere Faktoren geprägt und divergent ist.

… und was am meisten ankotzt: Man dreht es so hin, dass man am Ende den Fans/Ultras die Schuld für diese Entwicklung in die Schuhe schieben kann! Diejenigen, die schon seit Jahren für eine Fankultur kämpfen, sich für fangerechte Anstoßzeiten einsetzen, Tradition und Identität der Vereine bewahren, Choreographien durchführen, eine Gemeinschaft fördern und einen Geist in die Stadien tragen. Und die Steine, die ihnen in den Weg gelegt werden, resultieren nicht immer nur aus dem Gebrauch von Pyrotechnik oder „anrüchigem Verhalten“, denn Fankultur (siehe die soeben aufgezählten Punkte) ist ganz sicher nicht im Sinne des DFBs. Dieser wünscht sich eine geleckte Entertainment-Show, die in den Business-Plan passt, und den Fans unter dem Deckmantel der Fankultur verkauft wird.
… und so liegt es letztendlich und maßgeblich an den Vereinen/dem DFB, wohin die Entwicklung geht und ob/welche sich Fankultur erhalten lässt. Aus Fansicht ist der aktuelle Status quo jedenfalls nicht erhaltenswert – und das hat nichts mit der aktuellen Absage an Pyrotechnik bzw. mit dem Thema Pyrotechnik allgemein zu tun (das ist doch nur ein kleiner Teil im Potpourri der DFB-Frechheiten). Das Problem ist der alltägliche Umgang mit den Fans und Repressionen als Lösung – und nichts anderes bestätigte dieser Sicherheitsgipfel!