Verrat

Der Drops ist gelutscht – zumindest auf überregionaler Bühne. Auf der Versammlung am vergangenem Mittwoch stimmten die Mitglieder der DFL, also die 36 Bundesligavereine, allen Anträgen des Konzepts „Sicheres Stadionerlebnis“ zu. Vor dem Tagungshotel in Frankfurt standen geschätzte 800 Fans in der Kälte – in stiller Mahnwache. All die Proteste und Gespräche hatten nichts bewirkt – die Vereine und ihre Vertreter haben ihre Kurven verraten, indem sie mit überwältigender Mehrheit zustimmten.

Don´t believe the Hype

Im Nachgang scheppert nun die große und hörige Propaganda-Medien-Maschine. Der Bayerische Innenminister will sich plötzlich mit Ultras Gruppen an einen Tisch setzten, Journalisten berichten davon, dass die Fans die eigentlichen Gewinner sind und zwischen den Zeilen hört man selbst in Fankreisen weichgespülte Aussagen, wie: „So schlimm wird das schon nicht“ oder das altbekannte „wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten“. Tappt nicht in diese Falle – wann wollt ihr aufwachen? Wenn ihr keine Karte für das nächste Auswärtsderby bekommt, weil das Kontingent reduziert wurde! Oder erst wenn euch ein Ordner ins Separee zur Körperkontrolle bittet! Die genehmigten Anträge geben all diesen Horrorszenarien eine Grundlage. Auch das Gejammer der Vereine, dass man handeln musste, sonst hätte die Politik womöglich noch härtere Maßnahmen eingeleitet ist komplett heuchlerisch. Moderner Fußball – wir kennen dich zu gut, um deine hässliche Fratze nicht auch hinter schönen Maskeraden zu erkennen.

Nürnberger Dialogbereitschaft

Seit dem Pokalderby aus dem vergangenen Winter ist das Verhältnis zum Verein sehr angespannt. Teile aus der aktiven Fanszene haben mit dem ein oder anderen Mitarbeiter komplett abgeschlossen. Scheinbar stört das die Leute beim Verein aber nicht einmal – vielleicht ist das Arbeitsleben nun sogar leichter? Beim Sicherheitsbeauftragten nervt jetzt jedenfalls keiner mehr, wann denn der ekelhafte Zaun vor dem 911 wieder abgebaut wird. Der Mann hat sicherlich wichtigere Dinge zu erledigen – Antworten zu eingereichten Konzepten von Fanorganisationen wie der Rot-Schwarze-Hilfe, können da schon mal länger, also monatelang dauern.

Auch ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit sind wenig ruhmreich. Jeno Konrad Choreografie beim Heimspiel gegen die roten Münchner – gute Sache, sogar der Verein lobt die Fans auf seiner Homepage. Böse Zungen vermuten natürlich gleich populistische Hintergründe – ein „Salut für den jüdischen Trainer“ macht sich einfach gut. Eine Woche später die Posse um das Frankenderby: Betretungsverbot und Generalverdacht für alle Glubberer – einige Zeitungen und Personen des öffentlichen Lebens erinnern sogar mal wieder an die angeblichen „Nazi-Aufmärsche“ der Nürnberger Fans bei den letzten Gastspielen in der Westvorstadt. Was macht unser Verein? Hinter den Kulissen hoffentlich einiges, so wird einem versichert – auf medial öffentlicher Bühne bekommt die Fanszene wieder einmal keinerlei Deckung, Unterstützung oder Verteidigung – nicht einmal in den vereinseigenen Medien.

Und dann der große Dialog nach dem Bekanntwerden des Konzepts „Sicheres Stadionerlebnis“. Das Fanprojekt kümmert sich darum, dass ein Gespräch zwischen Fanvertretern und Verein zustande kommt. Sorry, bevor wir vergessen zu erwähnen – „die Verantwortlichen des Vereins hatten das natürlich auch vor gehabt.“ – wusste halt nur noch keiner davon. Dann verläuft das Gespräch insgesamt sehr konstruktiv und alle könnten zunächst zufrieden sein. Am nächsten Tag wird auf der FCN Homepage munter über den Konsens berichtet – Gewaltverzicht, Pyroverzicht und und und. Den Fanvertretern geht der Puls auf 200 und auf allen bekannten Internetseiten wird der noch positiv ausgedrückten „eigenwilligen Interpretationheftig widersprochen. Ergebnis oder Reaktion? Nichts – der Verein sieht offensichtlich keinen Redebedarf, der Kommentar wird sogar eine Woche danach in der Stadionzeitung wiederholt und fortan wird auch in allen Interviews und Stellungnahmen vom guten Dialog und der gemeinsamen Einigung gesprochen. Als Beteiligter glaubst du da fast, dass du den Verstand verlierst! Bis zur Entscheidung am Mittwoch gab es kein zweites Gespräch zum Thema Sicherheit. Aber eine Art Presseerklärung am Tag vor der Versammlung, in welcher der DFL schon mal vorab die Unterstützung zugesichert wurde.

Ausblick

Die Party ist noch lange nicht vorbei. Es darf gerade jetzt keinen billigen und einfachen Weg zurück zur Normalität geben. „Bis hierhin und nicht weiter“ ist keine Option – die Linie ist überschritten. Wir haben sprichwörtlich „die Schnauze voll“. Nehmen wir doch einmal das Beispiel Pyrotechnik in Nürnberg: Nach dem Unfall von Bochum hat sich die Szene aus Respekt vor den Geschädigten von Pyrotechnik im Stadion verabschiedet. Die „Men in Black“-Choreo war nach Jahren ein erster, kleiner Schritt zurück – nicht mehr und nicht weniger, auch jetzt geht das Signal an die Nordkurve „es heißt nicht Feuer frei“. Hat uns dieser jahrelange Verzicht irgendetwas gebracht – bezüglich der Repressionsschraube? Nein, wir wurden und werden auswärts genauso mit Materialverboten und willkürlichem Schwachsinn behandelt wie andere Gruppen, die regelmäßig zum Stilmittel Pyro greifen.

Jetzt stehen wir Fans wieder an einem Punkt, wo wir uns entscheiden müssen: Ducken wir uns vor dieser Repression – in der Hoffnung, noch ein paar Jahre halbwegs erträglich und würdevoll unsere Passion zu leben? Oder sind wir bereit alles in die Waagschale zu legen – mit der Möglichkeit, dass es unser Ende sein kann. Wir werden am Sonntag gegen Bremen wieder schweigen und uns in der Winterpause mit dieser beschissenen Frage auseinandersetzen.

„Wir empfinden mehr Schmerz über einen Verrat, der uns um das Ergebnis unseres Talents bringt, als über einen unmittelbar drohenden Tod.“ Honoré de Balzac