Kein Stimmungsboykott

… aber auch keine organisierte Stimmung in München

Es war nicht zu übersehen und zu überhören, dass der Gästeblock (wie auch der Rest des Stadions) beim heutigen Derby nicht wie gewohnt in Szene trat.
Ultras Nürnberg beschloss in der Woche vor dem Spiel, dieses Mal nicht den gewohnten, organisierten Support zu koordinieren und die Kurve mit Fahnen und Bannern zu vertreten.
Diese Entscheidung wurde bewusst nicht vorher kommuniziert, um uns allen nervige (Internet-)Diskussionen zu ersparen und nicht unnötige Unruhe ins Spiel zu bringen. Die betroffenen Personen (die Auswärtsfahrer) wurden stattdessen per Flyer vor Ort informiert.
Dabei muss noch einmal betont werden, dass es sich hierbei nicht um einen Stimmungsboykott handelte. Der Spieltag wurde lediglich nicht durch die Organisation und Koordination seitens Ultras Nürnberg geprägt. Das heißt: Es gab keine Vorsänger, Trommeln oder Fahnen. Wir sind im Block unorganisiert aufgetreten, aber trotzdem als Fans des 1. FC Nürnberg. Jeder sollte selbst entscheiden, wie sehr ihn die aktuelle Situation/das Spiel beeinflusste. Jeder sollte das tun, worauf er Bock hatte. Singen, springen, schweigen, maulen, pfeifen, Fußball schauen. Man wollte der Kurve ihren Lauf lassen.
Viele mögen sich fragen, warum man denn überhaupt (noch) runtergfahren ist – und auch wir haben uns diese berechtigte Frage gestellt, dieses Mal jedoch mit dem bekannten Ergebnis beantwortet. Zum einen wäre es eine Kapitulation vor den Behörden gewesen. Zum anderen wollten wir diesen drastischen und vielleicht endgültigen Schritt noch nicht gehen. Auch ein „Draußenbleiben“ vor den Toren stand daher zur Debatte. Es wäre vielleicht sogar der konsequentere und deutlichere Weg gewesen. Nach den Erfahrungen aus Frankfurt und der Tatsache, dass die bayerische Polizei gerne schnell die Fassung verliert, haben wir uns aus „Sicherheitsgründen“ jedoch dagegen entschieden. Zumal dies auch nur mit einer passenden und kreativen Gegenveranstaltung begleitet werden hätte können, die sich in der Kürze nicht zur Zufriedenheit realisieren lassen konnte.
Letztendlich war die Entscheidung auch keine eindeutige. Es gab nicht die eine Meinung, trotzdem war diese Entscheidung – auch wenn man so nicht das ganz große Zeichen setzen konnte – vom eigenen Gefühl her richtig. Ein gewohnter Auftritt hätte sich einfach schlecht angefühlt.

Die Gründe dafür sind vielschichtig, einige davon wollen wir an dieser Stelle kundtun:
1) seit dem Umzug aus dem Olympiastadion werden alle Fans (also nicht nur die Gäste) seitens der Verantwortlichen massiv eingeschränkt. Sei es durch die Verbote vieler, selbstverständlich erscheinender Fanmaterialien, oder den allgemeinen Umgang.
2) im Wissen über konsequente Rückendeckung aus der Politik fühlen sich USK & Co wie die Größten. Dieses zu Kopf gestiegene Machtgefühl sorgt für ein provokantes Auftreten und einen lockeren Schlagstock. In der Öffentlichkeit wird das eigene Fehlverhalten stets kaschiert und ein Lügenkonstrukt aufgebaut, um es zu rechtfertigen.
3) beim letzten Derby begab sich die Nordkurve auf eine Zeitreise und organisierte eine 80er-Mottofahrt – ergänzend zur geplanten Choreographie. Dabei wurde der Treffpunkt (in Garching) offen kommuniziert. Die Polizei stellte sich entsprechend darauf ein und führte rund 400 Personen auf der von ihnen selbst gewählten Route zum Stadion. Auf dem Weg dorthin kam es zu einem Angriff Münchner Fans, den die Polizei – entgegen ihrer Behauptungen – nicht vollständig verhindern konnte (oder wollte). Kein Problem, hat diesen „Job“ eben die Nordkurve übernommen und nachdem alle Gemüter wieder abgekühlt waren, hätte es zum Stadion gehen können.
… im Anschluss daran kam es jedoch zu einem Kessel, Personalienfeststellungen und ca. 35 Stadionverboten (weitere sollen folgen). Diese Stadionverbote wurden allesamt über 3 Jahre ausgesprochen, eine Unschuldsvermutung (Hallo, Herr Hoeneß!) oder Einzelfallprüfung gabs nicht. Warum auch? Nicht dass man sowas akzeptieren würde, aber neu ist das ja leider auch nicht mehr.
… kurz vor dem diesjährigen Spiel erreichte die oben genannten Stadionverbotler ein weiteres Schreiben, Betretungsverbote waren die Folge und obendrauf musste man auch noch 50 Euro berappen. Drauf geschissen, haut einen nicht (mehr) um. Was uns dann doch fassungslos macht(e), sind die Begründungen auf rund 16 (!) Seiten:
a) So wurde u.a. dargelegt, dass die Mottofahrt aus der vergangenen Saison dem Zweck diente, eine „Identifizierung zu erschweren“. Schließlich habe man sich mit den Münchnern zu dieser „Auseinandersetzung verabredet“. Wohlgemerkt an einer Stelle, von der man gar nicht wusste, dass man sie (wieder) passieren würde, weil die Polizei den Weg vorgab.
b) Des Weiteren wird nach wie vor steif & fest behauptet, die mitgebrachten Zeitungen dienten dem Zweck, „Steine darin einzuwickeln und auf die eingesetzten Beamten zu schleudern“. Dass die Zeitungen für eine Konfetti-Aktion mitgebrachten wurden, kommt natürlich nicht in Frage. Wie käme man auch auf sowas, schließlich hat man von Fanmaterialien sowieso keine Ahnung bzw. verbietet sie.
c) Letztendlich ist für dieses Betretungsverbot auch nicht relevant, ob die Person bereits für irgendeinen der genannten Vorfälle rund um die vergangenen Derbies verurteilt wurde. Es genügt die „bloße Anwesenheit“ in der kontrollierten Personengruppe, da dadurch bereits „Gewaltaktionen anderer gefördert werden“ würden. Wahnsinn!
… wir wissen nicht, ob all das die Herren wirklich glauben, wenn doch müssen wir uns ernsthafte Sorgen um deren Geisteszustand machen. Es besteht aber natürlich auch der Verdacht, dass solche Anschuldigungen bewusst konstruiert werden. Dann müssen wir uns erst recht Sorgen machen. Ein bisschen um den Geisteszustand, mehr noch um das Rechtsempfinden der ausführenden Staatsgewalt.
… wir fragen uns, wie man nur jegliches Handeln ausschließlich auf einen geplanten, strafrechtlichen Hintergrund zurückführen will? Mit wem glaubt die Polizei es zu tun zu haben oder was will sie andere glauben lassen, mit wem sie es zu tun hat? Dieses Auftreten zeugt entweder von Dummheit oder Ignoranz. Beides bereitet uns – wie schon angesprochen – Sorgen.
4) Wir sind sicher die letzten, die sich auch nur einen bisschen um das Wohlbefinden der Münchner Südkurve scheren. Aber auch wir haben mitbekommen, dass sich der dortige Streit mit dem Verein (nicht nur aufgrund der Drehkreuze – es geht um einen „anderen Fußball“, den die Verantwortlichen wünschen und der verhindert werden muss) zuspitzt. In dessen Konsequenz haben einige aktive Münchner Gruppen beschlossen, nicht mehr organisiert bei Heimspielen aufzutreten. Bereits beim ersten Heimspiel bot sich daher ein trauriges Bild (ja, noch trauriger, als man es eh schon gewohnt ist). Für uns haben diese Vorkommnisse 12:12-Charakter, dementsprechend sind sie mit Solidarität zu beantworten – unabhängig des Gegners oder des Spiels. Würde es uns betreffen, würden wir Unterstützung aus der gegnerischen Kurve ebenfalls begrüßen, in manchen Fällen sogar erwarten! Diese Tatsache gab also den letzten Ausschlag dafür, das Derby ebenfalls nicht organisiert zu besuchen.

Ja, wir wollen die Mannschaft unterstützen und besingen, aber auch in einem Umfeld, in dem wir uns wohl und würdig fühlen. Wir werden sicherlich nicht die Kurvenunterhaltung für die übrig gebliebene Prosecco-Gesellschaft spielen, die uns bei nächster Gelegenheit verachtet, verarscht und verrät.

Wir haben daher jedem freigestellt, ob und wie er das Spiel besuchen wollte – einige waren im Gästeblock, andere verstreut im Stadion, wieder andere zu Hause.. Wir, als organisierte Gruppe und treibende Kraft, konnten uns jedoch nicht dafür hergeben, die Stimmung zu inititieren und viele andere Glubbfans, die in der Vergangenheit immer wieder signalisiert haben, dass sie keinen Fuß mehr in dieses Stadion setzen würden, haben uns darin bestätigt. München ist Dreck und der FCB ist der größte Arschlochsverein auf diesem Planeten. Das zeigt man fast wöchentlich im Umgang mit seinen und auswärtigen Fans – auch andere sind davon betroffen! Vielleicht macht es ja bei den Verantwortlichen irgendwann mal Klick. Und mit diesem „Klick“ sind nicht die Handschellen für Big Boss Ulli gemeint. Wäre ja auch fast schon zu paradox, wenn der FCB dann mehr Leute im Knast hätte (Breno nicht vergessen!), als die Schickeria.

No Surrender!

Abschließend bedanken wir uns bei der Nordkurve und allen Auswärtsfahrern, die diese Entscheidung respektierten oder gar mittrugen. Wir glauben, wir können stolz auf unsere Szene sein, die immer noch ein großes Gespür dafür hat, wie weit sie den Modernen Fußball mitgehen will und wann Grenzen zu ziehen sind!
Wir bedanken uns aber auch bei der Mannschaft für den großen Kampf und freuen uns auf das kommende Spiel gegen Ausgburg!
Vergesst nicht: Ein anderer Fußball ist möglich! Dafür werden wir kämpfen!