Ein Kommentar zur sportlichen Lage

Die Mannschaft des 1.FC Nürnberg hat sich im letzten Heimspiel eine böse 0:5 Heimklatsche gegen den Hamburger SV eingefangen. Nach acht Spieltagen steht der Verein auf dem 16ten Tabellenplatz – es ist klar, diese Saison geht es bis zum Ende wohl um den Verbleib in der ersten Bundesliga. Rein sportlich ist die Misere nicht zu erklären. Eigentlich hat der FCN im aktuellen Kader ordentliche Bundesligaprofis – ein Team, welches von dem fussballerischen Können mit mindestens 8 bis 10 anderen Teams mithalten kann. Auch in den vergangenen Spielen blitzte das Vermögen zumeist für eine Halbzeit auf. Natürlich wird nun versucht an den üblichen Hebeln anzusetzen. Allen vorweg wurde gerade berichtet, dass der FCN Trainer Michael Wiesinger und Armin Reutershahn beurlaubt hat. Wahrscheinlich wird schon Dienstag oder Mittwoch ein neuer Mann auf der Kommandobrücke das Ruder in die Hand nehmen. Bei der Frage, wie es mit Michael Wiesinger (und auch Armin Reutershahn) nach der Beurlaubung weitergeht – aus Sicht des Autors dieser Zeilen haben beide keine maßgebliche Verantwortung an der augenblicklichen Situation – können die Verantwortlichen des FCN einmal mehr ihr Fingerspitzengefühl beweisen. Es wäre schön, wenn dieser Mann, der in der Winterpause der vergangenen Saison von den Amateuren ins kalte Wasser der Bundesliga gesprungen ist, weiterhin dem Verein erhalten bleibt. Er war es, der den charakterlosen Abgang von Dieter Hecking kompensiert hat. Charakter – das ist das Zauberwort. Zwischen Mannschaft und weiten Teilen der Fans stimmt es nicht – und auch innerhalb der Mannschaft stimmt es nicht. Vielleicht checken die etablierten Profis, die Wortführer nun endlich, dass es eben nicht ohne die Fans geht. Zumindest nicht, wenn die Ergebnisse ausbleiben. Wir lassen uns sicherlich die bislang schlechte Saison nicht Schönreden – so ähnlich hat man das doch schon mal gehört?! Und weil es in der Hierarchie und um den Charakter der Mannschaft nicht so gut bestellt ist, hat Wiesinger mit dem Rauswurf von Hanno Balitsch auch an der richtigen Schraube gedreht. Wahrscheinlich fehlte ihm aber der Mut oder die Unterstützung, den Bruch der Struktur komplett zu vollziehen. Unabhängig von der sportlichen Leistung der einzelnen Spieler, sondern allein auf die Charakterfrage beschränkt, braucht der FCN neue Führungsspieler. Der Verein kann und braucht aber keine neuen Spieler verpflichten. Es kicken beim 1.FC Nürnberg junge und talentierte Spieler – ihre Bereitschaft, sich für den Verein aber komplett ins Zeug zu werfen, wird aber offensichtlich durch eine Konstellation von Macht, Einfluss und Bevormundung innerhalb der Mannschaft gehemmt. Sie müssen in die Verantwortung kommen bzw. genommen werden – und das gilt eben auch hinsichtlich des Umgangs mit den Fans. Ein Mannschaftsrat muss auch außerhalb des Platzes die Meinung der Mehrzahl der Spieler repräsentieren – wenn er das nicht tut, dann entsteht kein Teamgeist und keine Identifikation. Diese Faktoren machen den Unterschied aus – es geht nicht um Geld oder Gehälter. Im Abstiegskampf geht es um Teamgeist – es geht darum, bedingungslosen Willen zu zeigen – es geht darum als Mannschaft zu bestehen. Der augenblickliche Mannschaftsrat und der Kapitän können dies offensichtlich nicht leisten. Der Verein kann es sich nicht leisten vor dieser Tatsache die Augen zu schließen. Auch der neue Trainer muss vor allem die Hierarchie und die Struktur der Mannschaft neu aufstellen. Diese Neuaufstellung muss im Zweifel sogar gegen gute sportliche Leistungen vollzogen werden – gute Einzelnoten bringen Verein und Mannschaft nichts. Es hat den Anschein, als wenn die Mannschaft innerhalb der Spielerkollegen nicht geführt, sondern befehligt wird. Hier braucht es schnell Veränderungen: Die Mannschaft soll einen neuen Mannschaftsrat und einen neuen Kapitän wählen. Es wird keine Leistungsexplosion wie bei dem Spieleraufstand 1984 (und das Festhalten am Trainer war damals auch eine reichlich ungewöhnliche Maßnahme) geben, aber es stehen dann bestimmt wieder Jungs am Platz, die sich wie eine Einheit präsentieren.