Lasst es brennen!

Die Kampagne „Ich bereue diese Liebe nicht!“ nimmt viele unserer Ressourcen in Anspruch. Dennoch möchten wir es nicht versäumen euch auch ohne Print-Titel einige Denkansätze mit auf den Weg zu geben. Morgen beginnen die olympischen Winterspiele in Sotschi. Dazu kommentiert einer unserer Redakteure.

Wenn die olympische Fackel unter Blitzlichtgewitter ein letztes Mal überreicht wird, dann wird vieles vergessen sein: die Proteste, die persönlichen Schicksale und Tragödien. Ähnlich wie 2008 in Peking ist es einer Machtelite gelungen, ein klinisches Fest zu inszenieren. Das Ergebnis überzeugt: Die westliche Masse blickt ekstatisch ihrem lang ersehnten Februar-Soma entgegen.
Einige Medien werden natürlich darauf verweisen, dass der Schein trügt. In den zehnstündigen ZDF-Kunstschnee-Marathon-Sendungen lassen sich bestimmt auch kritische Beiträge platzieren. Programmauftrag, versteht sich. Zwischen der Kür muss das Pflichtprogramm abgespult werden. Gratis Betroffenheit für das plagende Gewissen des deutschen Michl, verpackt als dreiminütiges audiovisuelles Intermezzo. Genau die richtige Spanne, um direkt im Anschluss das nationale Selbstwertgefühl, beim Blick auf den Medaillenspiegel, steigern zu können. – Die Schattenseiten der diesjährigen olympischen Spiele lassen sich – ganz unverhohlen heuchlerisch – ausblenden.

Peace, Love & Harmony

Der grundsätzliche Fehler liegt in einer noch immer romantisiert-verklärten Wahrnehmung der olympischen Spiele in der breiten Öffentlichkeit. Dem IOC als Dachorganisation ist es gelungen eine Marke zu etablieren, deren Kern zwar noch nah am ursprünglichen Leitgedanken der Spiele der Neuzeit ist – die Ausrichtung der Spiele ist jedoch ganz klar eine kommerzielle Größe geworden. Schlimmer noch: dieses monetäre Interesse wird durch die Exklusivität und Prestigeträchtigkeit der Spiele zusätzlich verstärkt. Dem Geltungsdrang der Organisatoren sind keine Grenzen gesetzt. Eine gefährliche Mischung, siehe Sotschi.
Somit ist es auch unerheblich, wo die Spiele stattfinden. Ein IOC, das Spiele wie die in Sotschi forciert, beraubt sich selbst jeglicher Legitimation ein Multiplikator des Sports zu sein. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass eine erneute Bewerbung für die Winterspiele in München so deutlich abgelehnt wurde. Es gibt eben kein richtiges im falschen, erst recht nicht bei den olympischen Spielen. Das haben selbst die Großkopferten in München erkannt.

Schlag auf Schlag

Erschreckend ist, dass die Schlagzahl dieser medial aufgebauschten Sport-Events stark zugenommen hat: heute Super Bowl, morgen Olympia, übermorgen WM in Brasilien. Inzwischen gibt es so viele Mega-Events, dass der gemeine Babo aus der Nordkurve schnell den Überblick verlieren kann. Immer schneller, höher, weiter – und das gefühlt immer häufiger. Das geht uns definitiv zu schnell.
Denn: Auch wir wollen guten Sport, insbesondere guten Fußball sehen. Er soll aber authentisch und greifbar sein – und nicht über Leichen gehen. Wir haben keinen Bock auf Heile-Welt-Fußball, wenn dafür am anderen Ende der Welt Leute sterben müssen. Unser Sport funktioniert auch ohne korrupte Weltverbände. Und wir müssen den Schrott, der in ihrer Verantwortung liegt, nicht mittragen. Die Großveranstaltungen in Russland, Brasilien und Katar sollten uns mahnende Beispiele sein.


„Putins Spiele“ – ARD Reportage zur Lage rund um Sotschi
http://www.ardmediathek.de/das-erste/reportage-dokumentation/die-story-im-ersten-putins-spiele?documentId=19305912

„Operation Sotschi“ – Kommentar auf Zeit Online
http://www.zeit.de/2014/07/olympische-winterspiele-sotschi-russland-putin

„Der Geist ist tot“ – Blog-Kommentar auf eurosport.de
http://de.eurosport.yahoo.com/blogs/abgeblogged/olympia-geist-tot-090052758--spt.html#more-id