Ein Gefühl der Verlässlichkeit: Interview Chris Ehrenberg

Chris Ehrenberg kandidiert für das Amt des Aufsichtsrats. Auf der Jahreshauptversammlung des 1.FC Nürnberg am Sonntag, 11. Oktober steht er erneut zur Wahl. Vor unserem Interview betonte er, wie wichtig es ihm sei, keinen „Grabenwahlkampf“ zu führen. Das wird auch aus seinen Antworten deutlich: Chris möchte Brücken bauen beim 1.FCN. Wir haben ein kurzes Gespräch mit ihm geführt.

Hallo Chris, du bist schon mal Aufsichtsrat beim 1.FC Nürnberg gewesen, hast dann aber aus gesundheitlichen Gründen nicht noch einmal kandidiert. Wie geht es dir heute – bist du gesundheitlich wieder bereit für die stressigen Aufgaben als Aufsichtsrat?

Es kam im letzten Jahr gesundheitlich einiges zusammen bei mir. Ich musste einfach einen ziemlich radikalen Cut machen. Ich habe daraufhin beruflich ziemlich viele Dinge neu geregelt und aufgestellt und hole mir nun neben dem Job sehr viel Ausgleich für Geist und Körper. Das klingt für jemanden, der das schon sein ganzes Leben so gemacht hat, furchtbar banal und einfach, „Workaholics“ sowie Herz- und Blutdruckpatienten wissen wahrscheinlich, wovon ich rede.

Ich könnte mich nachträglich ohrfeigen, wie einfach es gewesen wäre, hier schon vor Jahren vorbeugend zu agieren und sich dann eben die Zeit zu nehmen, mal eine Stunde durch den Wald zu laufen oder seine Bahnen im Schwimmbad zu ziehen. Es ist ja nun wirklich nicht so, dass es in den letzten Jahren keine eindeutigen Warnschüsse von meinem Körper gab. Ich kenne mich nun selbst viel besser und weiß heute sehr genau, was ich mir zutrauen kann und will. Und ich habe auch gemerkt, was mir nach dem „Cut“ wirklich fehlte. Der FCN gehört auf jeden Fall dazu. Um also auf die Frage zu antworten: Ja, ich traue mir das Amt sehr wohl zu.

Chris Ehrenberg

Was ist seit damals bei dir beruflich passiert, was qualifiziert dich erneut für den Posten als Aufsichtsrat?

Nachdem ich mich ohnehin in einer Phase der Neusortierung befand, habe ich auch schnell gemerkt, dass mir der Fußball ganz allgemein sehr fehlen würde. Als Aufsichtsrat war und ist es wichtig, auswärts zu fahren, Leute kennen zu lernen und dein Netzwerk im Sinne des Vereins zu erweitern. Ich kannte das aus meinem beruflichen Umfeld, die Fußballwelt ist hier ziemlich ähnlich gestrickt, was Vernetzung und Kommunikation innerhalb der „Community“ anbelangt. Und wenn wir etwa am Freitag in Duisburg gespielt haben, bin ich eben auch noch den Samstag geblieben und habe mir zum Beispiel Essen – Aachen angesehen, mich mit Leuten getroffen und neue Leute kennen gelernt. Ganz nebenbei finde ich, der schmerzlichste Verlust des Vereins war hier der Rücktritt von Manni Müller. Er ist das Paradebeispiel für mich, wie man dieses Amt annehmen und ausfüllen kann. Und um nochmal auf das letzte Jahr und mein Ausscheiden aus dem Amt zurück zu kommen: Ich sah mich damals aufgrund meiner Gesundheit einfach nicht in der Lage, meinen eigenen Ansprüchen an dieses Amt gerecht zu werden. Und anders als heute war es noch nicht absehbar, ob beziehungsweise wann sich das wieder ändert.

Als ich noch Aufsichtsrat war, wurde ich auf das Angebot vom FC Schalke 04 aufmerksam, der in Kooperation mit der renommierten Universität St. Gallen (HSG) einen Sportmanagement-Studiengang im Rahmen der „Schalke Sportakademie“ anbieten wollte. Man muss sich das als eine Art Intensivkurs quer durch alle Facetten des Profisports vorstellen, der ursprünglich für ehemalige Spieler und bereits in der Branche Aktive gedacht ist, um sich die Kernelemente des modernen Sportmanagements anzueignen und zu vertiefen. Ich hatte mich ohnehin beworben und wurde angenommen, also habe ich das dann auch durchgezogen und als zweitbester Absolvent mit dem Erhalt des „Certificate of Advanced Studies in Sports Management“ abgeschlossen. Ich wurde also mit 41 Jahren wirklich nochmal Student. Der ganze Kurs hat mir einen enormen Motivationsschub verpasst und meine Vorstellungen zu Abläufen, Entscheidungsfindungen sowie der Gremienethik in Vereinen und der Fankommunikation aus meiner Abschlussarbeit haben auch schon die ein oder andere Idee hervorgebracht, das ab 2016 auch beruflich zu nutzen.

Sehr interessant, deine berufliche Entwicklung scheint ja ideal zu den Anforderungen, denen sich ein Verein in der Zukunft stellen muss, zu passen. Bist du trotzdem noch ein Kandidat der Fanszene – wie stehst du zum Beispiel konkret zur Erhaltung des „eingetragenen Vereins“ beim Club?

Natürlich stamme ich aus der Fanszene des Clubs und sehe mich als Teil davon, das ist doch gar keine Frage. Allerdings muss ich ehrlich sagen, dass ein Aufsichtsrat bisweilen einen anderen Blickwinkel auf die Dinge hat. Du weißt, dass während meiner Amtszeit die ein oder andere heiße Diskussion zu dem ein oder anderen heißen Thema geführt wurde. Mein Versprechen ist, dass ich stets so handeln würde, wie ich es als Aufsichtsrat im Sinne des Vereins für richtig halte.

Wer mich kennt, weiß natürlich, dass ich Freund des eingetragenen Vereins bin und für Nürnberg durchaus ähnliche Argumente wie zum Beispiel der SC Freiburg finden könnte, der sich erst kürzlich ganz klar zum Erhalt des e.V. bekannt und seine Satzung dahingehend modernisiert hat. Was ich keineswegs unterstützen würde, wäre eine Art „Ausgliederung um der Ausgliederung willen“ oder irgendwelchen Phantastereien hinterherzulaufen, dass bei einer Ausgliederung jemand käme, der 5, 10 oder 20 Millionen in den Verein pumpen würde und blühende Landschaften verspricht. Allerdings muss sich der Aufsichtsrat wie auch die Vereinsführung schon im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit mit anderen Modellen der konzeptionellen Ausrichtung des Vereins beschäftigen. Denn auch äußere Einflüsse wie etwa eine geänderte Gesetzgebung oder Beschlüsse der DFL könnten dieses Thema schnell befeuern.

Ich finde, dass die Rechtsform e.V. in Nürnberg mit ihren durchaus interessanten Möglichkeiten noch nicht zu Ende gedacht ist und noch viel positiven Spielraum durch eine erneute Modernisierung der Satzung hätte. Allerdings muss die Debatte um die Rechtsform tabufrei und ohne Fronten und böses Blut geführt werden. Eine Art Wettbewerb der Ideen würde ich mir hier wünschen. Denn bei einer Modernisierung des Vereinswesens wie auch bei einer möglichen Ausgliederung gibt es inzwischen sehr viele Wege, die man gehen könnte. Und auch sehr viele falsche, wie aktuelle Beispiele beweisen.

Ohne aber in zukünftige Gedankenspiele zu verfallen, die aktuell gefragte Konsolidierung muss und kann ohnehin nur die momentane Struktur schaffen. Und ein stabiler e.V. ist in einer sehr viel besseren Position. Er kann sich die Wahl der zukünftigen Struktur selbst wählen und wird nicht aus der Not heraus gezwungen, Entscheidungen treffen zu müssen.

Glaubst du, dass es weitere strukturelle Veränderungen innerhalb des Vereins bedarf – Stichwort Satzungsänderung bezüglich der Zusammensetzung und Wahl des Aufsichtsrates?

Ohne das jetzt bis ins Detail auszuführen, aber wenn ich wie vorher gesagt glaube, dass die Möglichkeiten eines e.V. in Nürnberg noch nicht zu Ende gedacht sind, dann hat das auch die Konsequenz, als Aufsichtsrat an einer Verbesserung mitzuarbeiten, die vielleicht auch den eigenen Posten bzw. dessen Einfluss auf Kernelemente eines Fußballclubs hinterfragt. Auch hier gilt aber, dass eine tabufreie Diskussion über Verbesserungen und Veränderungen stets sachlich geführt werden muss.

Ich habe mir aus drei Jahren Amtszeit und dem letzten Jahr aus der Außensicht heraus eine Meinung gebildet. Meine Jahre im Gremium sehe ich durchaus sehr selbstkritisch. Ich glaube zu wissen, wo ich vermeintlich Fehler gemacht habe bzw. auch noch ein wenig zu „grün“ war. Aber auch, wo ich mich viel mehr hätte durchsetzen müssen, z.B. bei der Akzeptanz und Schaffung eines „ligenunabhängigen Konzeptes“ für den Verein. Ob der aktuelle Modus zur Wahl des Aufsichtsrats und dessen turnusmäßige jährliche Neugestaltung auch wirklich dazu führt, dass der Arbeitsauftrag des Gremiums in bestmöglichem Maße wahrgenommen werden kann, könnte auch einer Prüfung unterzogen werden.

Ein Reizthema bezüglich Vereinsform ist sicherlich RB Leipzig, bei denen wir am Sonntag zu Gast waren. Deine Meinung?

RB Leipzig ist ein von den Verbänden legitimierter Spielbetriebspartner der 2. Bundesliga. Insofern ist es die Pflicht anderer Vereine, abseits des Platzes ein guter Gastgeber beziehungsweise ein guter Gast zu sein und auf dem Rasen den sportlichen Wettbewerb anzunehmen.

Persönlich lehne ich das in Leipzig entstandene Konstrukt allerdings auf allen Ebenen ab. Sei es die Entstehung, die Ästhetik, die fragwürdige Konstellation mit dem Mutterkonzern in Salzburg sowie einige weitere Punkte, die sich auch in direkter Art und Weise negativ auf den Wettbewerb mit anderen Vereinen auswirken.

Was werden deiner Meinung nach weitere wichtigen Themen der nächsten Jahre sein?

Die Herausforderungen an einen Fußballverein sind klar definiert, denn sie lassen sich am Ende der Saison an einer Tabelle ablesen. Insofern ist die Zieldefinition recht klar. Ob der Stürmer in der 92. Minute den Pfosten trifft oder das Ding reinmacht, kann man schwer beeinflussen. Ich habe aber die Möglichkeit, durch ein gutes und strukturiertes Vereinsmanagement sowie eine nachvollziehbare Finanzpolitik Leitplanken vorzugeben und ein positives Grundgefühl zu erzeugen. Ob der Stürmer dann trifft, ist immer noch nicht gewiss. Aber dass jemand mit Selbstvertrauen und dem Gefühl zu wissen, wofür er da auf dem Platz steht und sich abmüht, das kann man aus der Struktur heraus durchaus beeinflussen. Ich glaube, dass das Vermitteln eines solchen Gefühls nach Innen und Außen die maßgeblichste Vorgabe sein sollte. Der Verein muss sich mit positiven Attributen versehen.

Als du das erste mal für den Aufsichtsrat kandidiert hast, gab es so eine Art Portfolio Bewerbung in einem Video-Interview – das kann man heute noch auf dem Youtube-Kanal „VideoCurvaNord“ sehen. Wie stehst du zu den Aussagen von damals?

Ohjeh, da sah ich aber sehr gestresst aus… (grinst) Mir ist beim erneuten Durchsehen aufgefallen, dass mir damals schon das Thema „Fußball muss bezahlbar bleiben“ mit einem damals noch eher unbeachteten Aspekt am Herzen lag. Neben den Eintrittspreisen sprach ich damals davon, dass dieser Satz auch beinhaltet, dass die Schere zwischen Ober- Mittel- und Unterklassevereinen nicht noch weiter auseinandergehen darf. Vier Jahre später ist diese Schere weiter aufgegangen, im internationalen Vergleich gibt es durch neue Fernsehverträge weitere Verwerfungen, die auf Sicht einen markanten Erdrutsch auslösen könnten. Noch ist es möglich, durch gute und akribische Arbeit und sehr viel Leidenschaft die Nachteile eines kleinen Vereins im Vergleich zu den Big Playern moderat auszugleichen bzw. den Anschluss nicht ganz zu verlieren. Diese Möglichkeit weiterhin zu bewahren, ist auch Aufgabe der Solidargemeinschaft der Vereine selbst. Es hat sich gezeigt, dass nur guter und –ich gebe zu, das überrascht auch mich- erfolgreicher Fußball die Leute nicht ins Stadion oder vor den Fernseher treibt. Die besten Beispiele dafür sind Wolfsburg mit dem geringen Zuschauerzuspruch im ersten CL-Heimspiel oder das Interesse an dem Bundesligaspiel Ingolstadt-Wolfsburg, welches von SKY mit nicht nach unten nicht mehr messbaren Quoten und somit 0,00 Mio. Zusehern ausgestrahlt wurde. Das ist keine Generalkritik an diesen Vereinen, sondern vielmehr Verpflichtung der Traditionsvereine, die Vorteile, die man gegenüber den Verhandlungs- bzw. Vermarktungspartnern ausspielen kann, besser und effektiver zu nutzen. Fußball und (viel) Geld hat auch in der Vergangenheit teils amüsante, teils absurde Ideen hervorgebracht (man erinnere sich nur an TeBe Berlin und die Göttinger Gruppe). Ich bin nicht der Meinung, dass man im Zuge der Kommerzialisierung (bzw. Kapitalisierung von Vereinen) alles mitgehen muss. Wichtig ist vor allem Alleinstellungsmerkmale zu schärfen, die einem Verein abseits von Sieg oder Niederlage erlebbar sowie lebens- und liebenswert machen.

Der FCN hat auch außerhalb des Platzes turbulente Jahre hinter sich. Die beiden neuen Vorstände fordern in ihren Antrittsreden Geschlossenheit und Wir-Gefühl. Ist diese Forderung auch für dich wichtig und muss es nicht trotzdem eine ordentliche Diskussions- und Streitkultur geben – vor den schwierigen Themen der nächsten Jahre?

Mir haben zwei Sätze der neuen Vorstände sehr gut gefallen. Herr Meeske sprach davon, den Verein auch wieder unabhängig von Sieg und Niederlage in der Stadt und der Region stärker verankern zu wollen. Herr Bornemann meinte nach seinem Amtsantritt sinngemäß, dass man vor allem auf der Führungsebene Ruhe und Geschlossenheit vorleben muss, damit diese sich auch auf den ganzen Verein und v.a. die Mannschaft ausbreiten kann. Beides kann ich bedingungslos unterschreiben. Eben auch, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schnell sich aufkeimende (und spürbare) Unruhe auf ein ganzes Vereinskonstrukt legen kann. Diskussionen und von mir aus auch das ein oder andere heftige Wort wird und muss es auch geben. Aber bitte intern!

Ich weiß, dass sich einige Mitglieder mehr Einblicke und Transparenz wünschen, gerade vom Aufsichtsrat. Aber der Aufsichtsrat – auch wenn einzelne Gremienmitglieder oder Kandidaten das vielleicht anders sehen – kann diese Transparenz nicht leisten. Die sagenumwobene „Schweigepflicht“ ist nämlich kein Maulkorb, sondern ein integraler Bestandteil der Arbeitskultur innerhalb des Vereins. Das ist vor allem für die neu hinzugekommenen Vorstände wichtig, hier auch die Verlässlichkeit des Gremiums zu spüren. In der Außendarstellung beziehungsweise Kommunikation müssen die Mitglieder und Fans wieder das Gefühl der Verlässlichkeit bekommen, dass heute gesagtes auch morgen noch etwas wert ist. Nur das sollte eben auch Teil der Kommunikationsstrategie des Vereins sein.

Gleiches gilt aber auch für die gesamte Clubfamilie. Es ist irgendwann auch einfach mal gut mit hanebüchenen Verschwörungstheorien, Pro oder Anti-Irgendwas/Irgendwen, dem Herumhacken auf diesem oder jenem Àufsichtsratsmitglied oder der öffentlich zur Schau gestellten und höchstem Maße erschreckenden Niedertracht in irgendwelchen Internetforen und Kommentarspalten. Wenn wir offene Gräben jetzt nicht glaubwürdig zuschütten, werden sie uns noch lange begleiten. Das hat dieser Verein nicht verdient. Und es erschwert einen Neuanfang nicht nur, es macht ihn unmöglich.

Der 1.FC Nürnberg wird niemals untergehen, weil…

…wir jetzt zusammenrücken und wieder alle gemeinsam an einem Strang ziehen.

Danke für das kurze Interview.