Leider geil: Gedanken zu WM und EM

Morgen tritt die Auswahl des DFB das erste Mal gegen den Ball. Es ist Europameisterschaft. Die einen freuen sich, die anderen sind genervt. In unseren Print-Ausgaben haben wir Welt- und Europameisterschaften immer wieder aufgegriffen. Immerhin stellt sich gerade als Ultras die Frage: Darf man das jetzt gut finden – oder nicht? Der vorliegende Kommentar beschäftigt sich mit genau diesem Dilemma. Er stammt aus der Ya Basta!-Ausgabe #40 (September 2014) und blickt auf die WM 2014 in Brasilien zurück.

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Leider geil – Warum mir die WM keine Ruhe lässt
Ein Kommentar

Meine erste konkrete Fußballerinnerung, das war die WM 1998. Nur am Rande bekam ich mit, dass Deutschland, damals unter Berti Vogts, im Viertelfinale gegen Kroatien verloren hatte. Denn der Star meiner Gang im späten Kindergartenalter, das war Zinedine Zidane. Jeder wollte so kicken wie er. Und wenn nicht so wie Zidane, dann vielleicht wenigstens wie Ronaldo. Oder Rivaldo. Die waren ja eigentlich auch ganz ok.

Wir versuchten ihre Tricks nachzustellen. Der bekannte Zidane-Übersteiger. Wer ihn beherrschte war der Gott auf dem Bolzplatz. Ebenso wie Zizou in den großen Stadien dieser Welt. – Heute versuche ich via Ebay das 98er-Zidane-Trikot aufzutreiben. Bislang ohne Erfolg. Wer würde es schon freiwillig hergeben?!

Es folgte das WM Turnier 2002 in Japan und Südkorea. Damals bekam ich von dem ganzen Trubel schon etwas mehr mit. Und: Inzwischen fieberte ich auch für Deutschland mit. Beim großen Favoritensterben in Fern-Ost schaffte es die damalige Rumpeltruppe, dank der überragenden Kahn und Ballack, bis ins Finale. Dort wartete das übermächtige Brasilien. Nach dem verlorenen Endspiel war ich erstmal geknickt. Brasilien war aber einfach besser.

2006 kam dann die WM im eigenen Land. Auch ich war, mit gerade 14 Lenzen auf dem Buckel, euphorisiert. Deutschland steigerte sich von Spiel zu Spiel. Beim Viertelfinale gegen Argentinien jubelte ich, nach dem Halbfinale gegen Italien weinte ich. – Ich wollte auch mal wissen wie es sich anfühlt, einen Titel zu gewinnen. Beim Glubb konnte ich schließlich nicht so schnell damit rechnen.

Ein Jahr später, im Mai 2007 war es aber plötzlich so weit. Und es war schöner als es jeder WM-Erfolg hätte sein können. Es fühlte sich alles sehr echt und handgemacht an. Ich war stolz. – Inzwischen hatte ich auch das Alter, in dem mich meine Eltern den, in meinem Fall etwas weiteren, Weg nach Nürnberg alleine antreten ließen. Die Bolzplatz-Gang von damals war der Glubb-Gang gewichen. Gemeinsam mit ein paar Freunden wagte ich meine ersten Schritte in der Fanszene.

2008 war dann plötzlich wieder EM. Deutschland war einer der Mitfavoriten. Und ich war zum Ende meiner mittleren Adoleszenz am spätpubertären Scheideweg. Oder zumindest fühlte es sich damals so weitreichend an. – Beim Glubb hatte ich seit 2006 viel gesehen und erlebt: Wie sich „gute Stimmung“ wirklich anfühlt. Wie Glubb-Spieler beim DFB-Schönlings-Ensemble sowieso keine Beachtung finden. Und vor allem: Dass sich dieser kurzweilige Turnier-Hype irgendwie nicht echt anfühlt.

„Fan sein“, das war für kurze Zeit nun nicht mehr das Hobby, das nur ich und meine Kumpels hatten. Fußball war jetzt so richtig massentauglich. So sehr, dass sich selbst die Modepüppchen aus meiner Klasse plötzlich dafür interessierten. – Der Fußball, den ich gewohnt war, der schmeckte nach Bier, Bratwurst und roch nach Filterkippen. Der Fußball, der mir während der EM 2008 präsentiert wurde, der schmeckte nach kalorienreduzierten Chips und Bitburger alkoholfrei. Igitt.

Visualisiert wurde diese Party durch das Schwarz-Rot-Gelb der Werbeindustrie. Alles war jetzt schwarz-rot-gelb. Autodächer, Pappteller, selbst die Lieblings-Biersorte meines Papas. – Und ich selbst war gerade 16 Jahre jung: idealistisch bis auf die Haarspitzen, antiimperialistisch und pazifistisch. Also natürlich links. – Nationalstaaten fand ich „kotzescheiße“. In der Schule lasen wir von Max Frisch „Andorra“. Und in meinem fränkischen Provinzkaff hätte ich nur zu gerne mal einen der meist besser gebauten Dorfnazis einen Tritt mit meinen abgewetzten Chucks verpasst.

Die EM musste ich jetzt natürlich scheiße finden. Nur leider wurde da noch immer Fußball gespielt. Und den fand ich doch eigentlich ganz cool! Ich stand im Interessenskonflikt.

Zwei Jahre später zur WM 2010 war ich in meinem Urteil und Weltbild schon etwas gefestigter. Nachts zog ich los und zockte Schland-Fähnchen. Den Glubb fand ich weiterhin dope, die FIFA und das DFB-Team whack. Das versuchte ich auch meinen Schulfreunden zu erklären. Allein der Erfolg blieb aus. Denn wie hätten sie es auch verstehen können? Beide Male ging es doch (vordergründig) um die gleiche Sache. Und wie kann man denn bitte in einem Fall den Fußball vergöttern und ihn im anderen Fall verabscheuen?

Ich versuchte die Diskussion schon gar nicht mehr zu führen. Schließlich hätte sie auch zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. Meine Klassenkameraden hatten schlichtweg eine andere Sicht auf den Fußball, als ich sie durch die Nordkurve hatte. – Die Spiele sah ich mir wenn dann im kleinen Kreis an. Oder ich chillte am Wochenende des Argentinien-Spiels in Schweden. Spätestens da musste ich allerdings anerkennen, dass das deutsche Team sehr gut aufgelegt war. Und zugegebenermaßen hatte ich zum Ende des Turniers durchaus ein wenig Sympathien für diese Mannschaft. Einfach weil sie guten Fußball gespielt hatte.

love football hate fifa

Vier Jahre später im Sommer 2014, befinde ich mich nun wieder einmal am Scheideweg. Oder zumindest fühlt es sich wieder so weitreichend an. Studium, Maloche und Strafverfolgung haben an meinem Idealismus genagt. Sicherlich hat das auch etwas mit Resignation zu tun. „Der Kampf um Befreiung ist mir relativ egal“, wie ich es neulich in einem Song hörte. Inzwischen ist mir meine Energie für „das große Ganze“ zu schade. Ich versuche „im Kleinen“ etwas zu erreichen. Ich schreibe für ein Fanzine. Und habe diesen Sommer keine Deutschland-Fahne geklaut.

Das diesjährige Turnier habe es nicht verdient beachtet zu werden. Das hatte ich mir dennoch geschworen. Die soziale Lage in Brasilien, der Partypatriotismus in Deutschland, die Machenschaften der FIFA weltweit – das alles verbiete es eigentlich sich auch nur ein Spiel anzusehen. Das klappte Anfangs auch noch sehr gut. Zum ersten Schland-Spiel hatte ich mich mit meiner Freundin an die Flusspromenade gesetzt. Ein schöner Abend, dazu ein Radler. Das zweite Gruppenspiel verbrachte ich auf einem Konzert. Das dritte Spiel nutzte ich zum Lernen, da mal wieder Prüfungen anstanden.

Beim Spiel gegen Algerien saß ich dann aber doch vor der Glotze. Und es war eine spannende Partie. Ich hätte es Algerien nach einer kampfstarken Leistung wirklich gegönnt, wenn sie weitergekommen wären. Auf der anderen Seite musste ich allerdings auch die Leistung einiger deutscher Spieler anerkennen. Die Einsatzbereitschaft eines Bastian Schweinsteiger – für mich bis dato der Inbegriff des Bayern-Opfers („Nürnberg kann ja nicht anders als so“) – kam für mich überraschend. In der Verlängerung humpelte er mit Wadenkrämpfen vom Platz. Das verdient Respekt.

Gleichzeitig aber war mit dieser Partie mein Dilemma besiegelt. Ich hatte meinen Gefallen an der WM gefunden! Von da ab habe ich mir die restlichen Ausscheidungsspiele angesehen.

Das war absurd. Ich hatte mich wirklich angestrengt, die WM zu boykottieren. Keine Sendeminute Aufmerksamkeit wollte ich Blatter und seiner Entourage schenken. Es hat nicht funktioniert. Schlimmer noch: Ich hatte nun sogar leichte Sympathien für das deutsche Schönling-Ensemble. Natürlich auch für andere Teams: Kolumbien, Mexiko, Argentinien, Schweiz. Sie alle haben guten Fußball gespielt und sind teilweise über sich hinausgewachsen. – Aber Sympathien für das deutsche Spiel?! – Noch vor vier Jahren hätte mir mein jugendliches Ich dafür einen sauberen Tritt mit den Chucks verpasst!

Natürlich hat es sich bei mir in einem vertretbaren Rahmen gehalten. Ich habe mir die Spiele meistens allein angesehen. Ich habe nicht gefeiert. Ich war neutral. Ich habe gute Leistungen auf beiden Seiten geschätzt. Aber: Ich war während der WM wieder zum Fan geworden. Nicht Fan einer Nation, nicht Fan eines Spielers und auch nicht Fan eines daher gesagten Unity-Gedankens, der oft in Verbindung mit der WM fällt. – Ich war während der WM wieder Fan des Fußballsports. So wie damals 1998, als Zinedine Zidane seine Gegner schwindelig dribbelte, kann ich mich auch heute nicht der Schönheit und Unberechenbarkeit dieses Sports entziehen. Ich habe es versucht, aber es ging nicht. Ich bin zu fußballbegeistert als dass ich mich während der WM nicht dafür interessieren könnte.

Und das ist irgendwie scheiße. Denn es bedeutet im Umkehrschluss, dass mich der Fußball in der Hand hat. Und ich im Zweifelsfall dazu bereit bin, über viele Nachteile hinwegzusehen. Leider. Im schlimmsten Fall könnte der Fußball dann sogar zum Propaganda-Tool werden. Auch für mich. Die bevorstehenden Weltmeisterschaften in Russland und Katar bieten dafür sicherlich genug Zündstoff. Mal sehen wie ich dann meinen Interessenskonflikt lösen werde.