Glubbfibel out now

Unser Kumpel Benny vom Daggl hat es geschafft: In diesen Tagen erscheint die 1.FC Nürnberg-Fußballfibel. Auf 160 Seiten beschreibt Benny seinen Werdegang als Glubbfan. Es geht um den Verein, die Fanszene und persönliche Anekdoten. Die Glubbfibel erscheint in der Reihe „Bibliothek des deutschen Fußballs“, herausgegeben von Frank Willmann. In meist kurzen Erzählungen versuchen Fans das Wesen ihrer Vereine einzufangen. Bislang sind unter anderem Fibeln zum 1.FC Magdeburg, Chemie Leipzig und Hansa Rostock erschienen. Benny ist nun der erste, der einen Verein aus dem Westen porträtiert. Auf der Seite des Culturcon-Verlags kann das Buch vorbestellt werden.

Benjamin Wolf: 1.FC Nürnberg – Fußballfibel
160 Seiten (inklusive Bilder), 9,99 Euro
Vorbestellung unter: www.culturcon.de

Fu�ballfibel 1.FC Nürnberg

Leseprobe

Nach dem Abbruch-Spiel in Fürth kam der Club auch weiterhin nicht in die Gänge und der amtierende deutsche Rekordmeister richtete sich in der damals zweitklassigen Regionalliga Süd häuslich ein. In der Saison 1973/74 scheiterte die Mannschaft ganz knapp. Für die Rückkehr in die Bundesliga fehlte am Ende nur ein Tor. Zur Folgesaison führte der DFB die zweigleisige 2. Bundesliga ein, mit je 20 Mannschaften in einer Nord- und einer Südstaffel. Der Club verbrachte das erste Jahr in der neuen Liga im Mittelfeld. Erst in der Saison 1975/76 gelang der Mannschaft, trainiert von Hans Tilkowski, wieder der Einzug in die Aufstiegsrunde. 55.000 Zuschauer sahen im Städtischen Stadion eine 0:1-Niederlage gegen Borussia Dortmund, bevor auch das Rückspiel im Westfalenstadion mit 2:3 an die Schwarz-Gelben ging. Wieder war man gescheitert, wieder mussten sich die erfolgsverwöhnten Clubfans (die letzte Meisterschaft lag schließlich nicht einmal zehn Jahre zurück) auf ein Jahr im Unterhaus einstellen. So langsam aber sicher machte sich dies auch im Zuschauerzuspruch bemerkbar. Zum letzten Heimspiel der Saison 1976/77 gegen den oberfränkischen Vertreter Bayern Hof kamen gerade mal noch 1.743 Unerschrockene in das Städtische Stadion. Der Club belegte am Ende Platz fünf. Es waren triste Zeiten und aus dem ehemals ruhmreichen 1. FC Nürnberg wurde ein Verein, der seinen eigenen Ansprüchen, denen seines Umfelds und nicht zuletzt denen seiner Fans hoffnungslos hinterherhinkte und noch dazu in finanzielle Schieflage geraten war.

Es muss Mitte der 1990er Jahre gewesen sein. Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, verfolgte ich im Wohnzimmer meiner Eltern ein Clubspiel im Radio und per Videotext. Meine Mutter setzte sich neben mich und gemeinsam lauschten wir den Ausführungen des Sprechers. Der Club war dabei, das Spiel zu verlieren, und als gegen Ende die Niederlage besiegelt war, konnte ich meine Enttäuschung nicht mehr für mich behalten. In diesen Momenten wurde ich jähzornig und war nicht mehr ansprechbar. Meine Mutter wusste das und versuchte mich abzulenken. „Hab ich dir eigentlich schon mal erzählt, dass ich in den Siebzigerjahren mit ein paar Clubspielern befreundet war?“, fragte sie mich. Sofort war ich von der Niederlage und meiner Enttäuschung abgelenkt. „Nein, hast du nicht. Mit wem?“ fragte ich, obwohl ich damals keinen der Spieler beim Namen kannte. Ich wusste aber sehr wohl, dass der Club zu dieser Zeit in der 2. Liga herumdümpelte. „Sagt dir zum Beispiel der Name Horst Weyerich etwas?“ „Nein!“, antwortete ich wahrheitsgemäß, dennoch war meine Neugier geweckt. „Wie befreundet? Was habt ihr so gemacht?“ „Wir sind öfter mal in Kneipen gegangen. Wir hatten alle ziemlich viel Spaß und waren eine richtige Clique“, sagte sie in Erinnerungen schwelgend. „Aber nicht vor Spielen, oder?“ Da ich damals selbst noch im Verein spielte und unser Trainer immer sagte, wir sollten am Vorabend eines Spiels früh ins Bett gehen, um am nächsten Tag fit zu sein, war ich von ihrer Antwort schockiert. „Ja, auch vor Spielen. Wir waren in verschiedenen Kneipen und die Spieler haben uns Mädels öfter mal vor die Tür geschickt, um zu schauen, ob die Luft rein ist.“ „Ob die Luft rein ist?“ Ich stand auf dem Schlauch. „Na, ob der Trainer in der Stadt unterwegs ist und in den Kneipen schaut, ob seine Spieler da gerade was trinken. Er hat das wohl öfter so gemacht, und wenn dem so war, dann haben wir sie innen gewarnt und sie konnten durch den Hinterausgang erschwinden“, sagte sie fast stolz. Ich wurde wütend. „Und das hast du gemacht?“ „Ja“, sagte sie, als wäre nichts dabei. Meine Wut stieg. Das verlorene Spiel vom damaligen Tag, meine Jugend und nicht zuletzt mein Halbwissen über die verkorksten 1970er Jahre des FCN reichten, um in meiner Mutter die Schuldige gefunden zu haben. „Du bist also schuld, dass der Club damals dauernd in der zweiten Liga war!“, empörte ich mich, ging wortlos in mein Zimmer und verzichtete darauf, mir die Zusammenfassung des Spiels bei ran anzusehen. Später erzählte sie mir, dass sie kurz nach ihrer Zeit als Saboteurin des 1. FC Nürnberg ihren ersten Mann kennengelernt hatte. Er war zwar kein Clubspieler, aber ein leidenschaftlicher Clubfan. 1978 glückte dann endlich der langersehnte Aufstieg in die Bundesliga. In den Aufstiegsspielen wurde Rot-Weiss Essen bezwungen und der Rekordmeister war wieder in der Bundesliga! Ein Jahr später, es war der 9. Juni 1979, spielte der Club zu Hause gegen Werder Bremen. Nach dem 2:2 war der Wiederabstieg besiegelt. Am nächsten Tag hatte meine Mutter Geburtstag, den ihr damaliger Ehemann ganz in hingebungsvoller Trauer aufgrund des Abstiegs verbrachte. „Er hat mir den ganzen Tag versaut. Ehrlich, es ging an diesem Tag um nichts anderes als den Club! Er hat den ganzen Tag geheult und kam nicht aus dem Schlafzimmer!“, schimpfte sie. Sein Verhalten an diesem Tag und noch einige andere Dinge, die ich mit 13 oder 14 Jahren nicht verstand, sorgten dafür, dass die beiden sich trennten und sie wenig später meinen Vater kennenlernte. Er war zwar Fußballfan, konnte sich aber nicht übermäßig für eine bestimmte Mannschaft begeistern. „Ich konnte mir damals nicht vorstellen, noch einmal einen Mann im Haus zu haben, der Clubfan ist“, sagte sie und kniff mich in die Seite.


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