Main-Post: Wenn das Wort „Heimspiel“ als „aggressiv“ gilt

Sogenannte „Ein-Quellen-Stücke“ gelten unter Journalisten als heikel. In einem Bericht sollten mindestens zwei Stimmen zu Wort kommen – und idealerweise sollten sie unterschiedliche Positionen vertreten. Das ist eigentlich journalistischer Standard. Auch bei der Würzburger Main-Post?

Am Dienstag-Nachmittag ist auf deren Web-Präsenz ein Vorbericht zum anstehenden Duell der Würzburger Kickers gegen den 1.FC Nürnberg erschienen. Unter dem Titel „Nürnberg-Derby: Ein Fußballfest unter Polizeischutz“ vermengt der Autor die Partie am Wochenende mit möglichen Krawall-Szenarien, dem Derby gegen Fürth und einem Pyro-Bild aus Karlsruhe. Gesprochen hat er dafür offensichtlich mit nur einer Quelle: Dem Würzburger Polizeichef.

Und tatsächlich: „Das wird nicht ohne“, sagt eben jener Polizeichef im Bezug auf die Abreise der Gästefans. Ansonsten bleibt er in den Zitaten sachlich:

„Wir werden gezielt dazu aufrufen, besonnen zu bleiben, den Sport in den Vordergrund zu stellen und sich nicht provozieren zu lassen“.

Das klingt nur bedingt nach dem (erhofften?) Krawallszenario, weshalb der Autor des Beitrags weitere Infos einfließen lässt.

Screenshot Main-Post
Quelle: Screenshot www.mainpost.de

So gebe es etwa 15 bis 20 Nürnberg-Fans mit Stadionverbot, schreibt er. Das mag für Außenstehende bedrohlich klingen – aber in Relation zu 2.000 erwarteten Glubb-Fans? Wenig erschütternd.

Also schiebt der Journalist eine weitere Zahl voran: 400 bis 500 dieser Gästefans würden laut eines szenekundigen Beamten als „gewaltbereit“ gelten. Schockierend! – Allerdings vermeidet es der Autor einerseits zu erwähnen, dass oft schon eine Personalien-Aufnahme am Rande eines Fußballspiels genügt, um von der Polizei dauerhaft als „gewaltbereit“ („Kategorie B“) eingestuft zu werden. Andererseits verschweigt er den Namen des „szenekundigen Beamten“, ohne explizit darauf hinzuweisen, dass dieser gegebenenfalls namentlich nicht genannt werden möchte.

Das erweckt den Eindruck, als könnten die Worte des „szenekundigen Beamten“ lediglich vom Würzburger Polizeichef wiedergegeben worden sein.

Warum wir das mutmaßen, auch wenn wir es nicht belegen können?

Nun, weil der Autor etwa auch von „Sicherheitsexperten“ spricht, die er namentlich nicht erwähnt. Und weil im gesamten Stück eine Gegenstimme ausbleibt, ehe der Bericht im Schlussabsatz aus unserem Blog zitiert:

Mit Kickers Würzburg „gibt es keine Rivalität – weder auf den Rängen, noch auf dem Rasen“, betonen die Cluberer im Fanmagazin „Ya Basta“. „Wir wollen mit der gesamten Glubbfamilie ein entspanntes Wochenende in Würzburg verbringen, Kneipen besuchen, am Main chillen und am Sonntagmorgen gemeinsam zum Stadion laufen. Macht euch also locker – und nicht ins Hemd!“

Immerhin: Eine Quelle, die nicht in das Credo der „Sicherheitsexperten“ und des „szenekundigen Beamten“ einstimmt. Denn natürlich weiß auch der Redakteur der Main-Post, dass er sich aus journalistischer Sorgfaltspflicht absichern sollte, weshalb er die abschließende Quelle einbaut.

Natürlich weiß der Journalist aber auch, dass gerade bei Web-Beiträgen die Leseaufmerksamkeit mit jeder Zeile sinkt und viele Nutzer vorab aussteigen. Genauso wie der Autor eigentlich wissen sollte, dass es normalerweise ein leichtes gewesen wäre bei der Pressestelle des FCN, der Fanbetreuung oder dem Nürnberger Fanprojekt anzurufen. – Ähnlich wie auch wir vom Ya Basta! Presseanfragen in vielen Fällen beantwortet haben. Doch bis 22:30 Uhr am Dienstagabend hat uns niemand kontaktiert.

Kalkül? Möglich: Denn vielleicht hätten beschwichtigende Worte von „offizieller Stelle“ nicht in das Bild gepasst, das der Autor transportieren möchte. Immerhin, so schreibt er, ist die Partie auf dem „Ampelcode der Polizei“ nicht nur als „rot“ gekennzeichnet, sondern „tiefrot“. Das signalisiert dem Leser: brandgefährlich.

Bei gründlicher Recherche allerdings hätte dem Redakteur auffallen können, dass bereits die Headline irreführend interpretiert werden könnte, wenn sie vom „Nürnberg-Derby“ spricht – während im zitierten Post unseres Blogs, das Spiel explizit NICHT als Derby tituliert wird.

Vielleicht wäre dem Autor von einem Gesprächspartner des FCN auch berichtet worden, dass eben nicht „die Ultras“ mit dem Schiff kommen, sondern der Supporters Club: eine Organisation normaler FCN-Fans.

Möglicherweise wäre ihm auch aufgefallen, dass es zumindest gewagt ist, von „selbst genährten Befürchtungen“ zu sprechen, während im Aufruf von „lautstark, fanatisch, kreativ“ die Rede ist, wir selbst nie von einem „Marsch“ gesprochen haben und auf einem der Plakate eine Gruppe Hippies tanzt.

Dann jedoch wäre den Lesern aufgefallen, dass es reichlich tendenziös ist, im Vorfeld des Spiels am Sonntag eine Gemengelage aus Frankenderby, Hannoveraner Pyroshow und Riots mit Augsburgern zu beschwören. Die Nürnberger Ultrasgruppen haben die Partie nämlich betont mäßigend beworben.

Und wenn wir schon dabei sind: Das Wort „Heimspiel“ als „aggressiv“ zu interpretieren, ist nicht einmal mehr tendenziös, sondern auch aus linguistischer Sicht waghalsig.

Fazit: Gerne würden wir vom Ya Basta! an das versehentliche Werk eines Einzelnen glauben. Doch auch in der Redaktion der Main-Post gilt das Vier-Augen-Prinzip.

Also bitte, liebe Main-Post: Bevor ihr auch am kommenden Wochenende fleißiges Clickbaiting betreibt – liefert zumindest sauberes Handwerk ab!